»Nein sagen« von Matthias Brandt gibt es nur, weil er ja gesagt hat –

Eine Entscheidung muss her, als Matthias Brandt gefragt wird, ob er 2025 die Gedenkrede für die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 in Plötzensee halten würde. Er ist kein Politiker wie es sein Vater war. Ein Redner zwar, aber immer mit einer Rolle ausgestattet. Matthias Brandt ist Schauspieler – Publikum macht ihm nichts aus. Und doch ist er sich sicher, dass er ablehnen wird.

Aber die Anfrage lässt ihn tagelang nicht los, und es kommen ihm Momente in den Sinn, die ihn immer mal an der Stabilität unserer Demokratie zweifeln ließen. Gaulands »Wir werden sie jagen« von 2017 zum Beispiel. Für Brandt ist das ein sprachlicher Kipppunkt in der politischen Auseinandersetzung: »das war SA-Rhetorik«. Alle Übereinkünfte zum politischen Diskurs, die gesetzt schienen, gerieten ins Wanken. »Es war, als würde man das Einmaleins abschaffen und das Alphabet gleich dazu«.

So wird die Aufforderung, diese Rede zu halten, für ihn zur Gewissensentscheidung. »Wer die Geschichte kennt, erkennt in alldem, was gerade geschieht, keine harmlosen Ausreißer. Sondern ein Muster. Und wer dieses Muster erkennt, hat, so glaube ich, eine persönliche Verantwortung, es zu benennen«. Er sagt zu.

Für mich, die Heulsuse unter den Buchbloggerinnen, der schon beim Klang der Freiheitsglocke auf Deutschlandfunk Kultur sonntags um zwölf die Tränen kommen (»Nein, kommt nicht vom Zwiebeln schälen. Schnief.«), geht die Lektüre ans Gemüt. Ich brauche den Taschentuchspender bereits für die Beschreibung der Vorbereitungsphase in Plötzensee, als Brandt zum ersten Mal im Hinrichtungsraum steht. Sein Ziel für die Veranstaltung: »so zu reden, dass dieser Ort mir nicht widerspräche«.

Dafür taucht er noch einmal ein in die Geschichte der Frauen und Männer des Widerstandes, die dafür büßen mussten, »gezeigt zu haben, dass es möglich gewesen war, sich anders zu verhalten als die Mehrheit«. Es kommt auch die Erinnerung daran, dass seine Eltern als Widerstandskämpfer im Exil, ihre Mitbürger in der jungen Bundesrepublik durch ihr Vorbild herausforderten. »Man hatte sich eingerichtet in der Erzählung vom ›verführten Volk‹, das von den Nazis gewissermaßen heimgesucht worden war, ohne zu wissen, wie ihm geschah«.

Das nächste Mal muss ich heulen, als Brandt aus den Briefen zwischen Helmuth James Graf von Moltke und seiner Frau Freya zitiert. Es sei »in Ordnung« schreibt Moltke, dass er jetzt für seine Überzeugungen sterben müsse. Brandt dazu: »Wenn ich jemandem erklären müsste, was es heißen kann, ein Mensch zu sein, würde ich ihm diese Briefe zeigen«.

Moltke ging vor hundert Jahren auf ein Gymnasium in Potsdam, dessen Schüler Brandt um die Patenschaft für ihre Bewerbung als »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« gebeten haben. Und hier schließt sich für ihn der Kreis zurück in den Hinrichtungsraum der Gedenkstätte Plötzensee: »Ihr seid das. Ihr seid der nachträgliche Sieg, von dem mein Vater damals vor 70 Jahren hier an dieser Stelle sprach«.

Matthias Brandt hat es sich nicht leicht gemacht mit diesen Riesen-Fußstapfen und hat dann seinen eigenen Weg hinein gefunden. Wie gut, dass er nicht »nein« gesagt hat.

Matthias Brandt, »Nein Sagen. Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute«, Kiepenheuer & Witsch, 128 Seiten. Erschienen am 12.03.2026.

Hier der Wortlaut der Rede vom 20.07.2025

Und – nur so zur sonntäglichen Erinnerung – der Freiheitsschwur zur gleichnamigen Glocke im Schöneberger Rathaus

und, gleich zu Anfang des Beitrags, der Sound dazu