Matthew Perrys »Friends, Lovers, and the Big Terrible Thing« –

»Unaccompanied Minor« wollte Perry sein Memoir eigentlich nennen, aber das gierige Verlagshaus hat wahrscheinlich darauf bestanden, dass »Friends« irgendwo im Titel vorkommen muss. Ausgerechnet ich, die ich noch nie eine Folge von »Friends« gesehen habe, greife im Flughafenkiosk nach dem Cover mit dem skeptisch grinsenden Serien-Star, der im vergangenen Oktober mit einer zu hohen Dosis Ketamin im Körper in seinem Whirlpool ertrunken ist.

Seine Eltern sind Suzanne Langford, die »Miss Canadian University Snow Queen« von 1966, und der »develishly good looking« Musiker John Perry aus Williamstown, Massachussetts. Beide sind sehr jung, sehr verliebt und sehr verantwortungslos. Als Matt-Baby neun Monate alt ist, fährt sein Dad Mutter und Kind an die kanadische Grenze, wo die Großeltern die beiden in Empfang nehmen. John Perry dreht um in Richtung Los Angeles und wird ein mittelmäßig erfolgreicher Schauspieler. Die Rolle seines Lebens ist die des »Old-Spice-Guy« im Werbefernsehen der frühen Siebziger.

Sein Sohn findet mit dem Verlust seines Vaters früh die eigene Lebensaufgabe: »With Dad gone, I quickly understood that I had a role to play at home. My job was to entertain, to cajole, to delight, to make others laugh, to soothe, to please, to be the Fool to the entire court.«

Wie Frachtgut wird er später, als er erst fünf ist, mit einem Schild um den Hals (»Unaccompanied Minor«) in den Flieger geschoben und ans andere Ende des Kontinents geflogen, um seinen Vater kennenzulernen, der erneut heiratet und eine neue Familie gründet.

Perrys Mutter heiratet nach einer Dating-Odyssee, die Matts Kindheit begleitet, den kanadischen Journalisten Keith Morrison. Sie ist Pressesprecherin bei Pierre Trudeau, dem kanadischen Premierminister und Vater von Justin, dem heutigen Premier, dem Perry auf dem Schulhof in Ottawa immer mal eins auf die Schnauze gibt.

In den Sechzigern ist es unter jungen Eltern nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland, durchaus üblich, Kleinkinder mit Barbituraten ruhig zu stellen, wenn man abends in Ruhe ausgehen will. Perry deutet an, dass in dieser Phase zwar noch nicht sein Gedächtnis, aber womöglich bereits sein Suchtgedächtnis anfängt zu arbeiten.

Das Memoir überrascht mich. Es ist voller witziger Wortspiele (»The Benefit of Friends«, »All Heaven Breaking Loose«, »The Smoking Section«) und schockierender, intimer Einzelheiten. Ich frage mich, was es für einen Teenager bedeutet, so viel zu trinken, dass er impotent ist. Ich staune über die Symbolik der Darmruptur, die Perry 2018 erleidet. Hier wird buchstäblich das Innerste eines Menschen nach außen kehrt. Das ist es doch, was Schauspieler, insbesondere die begnadeten Naturtalente, so verletzlich macht.

Als ich im Flughafen-Buchladen den Lesetipp meiner Sitznachbarn (armenische IT-Ingenieure aus Abu Dhabi) umsetzen will, erscheint mir das als die passende Kombination.

Nach der last-minute Klinik-Selbsteinweisung leisten ihm Freunde und Familie fünf Monate lang rund um die Uhr Gesellschaft. Er soll nicht alleine sein und diese Phase zeigt, welcher Aufwand getrieben werden muss, wenn am Anfang des Lebens nicht genug Zeit investiert wird.

Aber kein „Nachbrüten” der Welt kann Urvertrauen ersetzen, ebensowenig wie die teuersten Ärzte. Perry rechnet aus, dass er 7 Millionen Dollar für 30 Jahre Therapie und 15 Entziehungskuren aufgewendet hat, begleitet von 6000 AA-Meetings.

Ruhm, Reichtum und die schönsten Frauen konnten ihm letztendlich auch nicht helfen. Aber dieses geballte Leid bringt eben auch große Kunst hervor und einen Erfahrungsschatz, der nicht nur der eigenen Entwicklung, sondern auch der anderer Menschen hilft.

Besonders in spirituellen Kreisen wird ja gerne gepredigt, dass keinerlei dauerhaftes Glück von äußeren Objekten zu erwarten sei. Mit der Wunscherfüllung würde sich die Attraktivität des Objekts der Begierde schnell von selbst erledigen. Hierbei sei es unerheblich, ob sich die Sehnsucht auf Luxusgegenstände, Fernreisen oder das Herz eines Menschen richte. Diese Dinge seien der Mühe nicht wert.

Im Gegensatz zu den Theoretikern weiß Perry, wie es sich anfühlt, alles erreicht zu haben. Das Glück, mit Chandler Bing die Rolle seines Lebens zugeteilt zu bekommen hält sein ganzes Leben lang und inspiriert andere Comedians. Und die Dankbarkeit darüber, jemand so Besonderen wie Julia Roberts für sich eingenommen zu haben, überdauert auch die eigentliche Romanze.

Perrys Schilderung des beiderseitigen Liebeswerbens (drei Monate mit über hundert Faxen) ist ein Nachlass voll menschlicher Wärme, Zärtlichkeit, Humor und Respekt. Es mangelt Perry auch nicht an Souveränität zuzugeben, dass Roberts ihm um manches überlegen ist: (»I thought I had money. SHE had money«). Gegen Ende der Annäherungsphase klingelt sie eines Mittags an Perrys Apartmenttür: »You should probably invite me in now«. Hollywood war nie glaubhafter.

Natürlich ist Perry schnell klar, dass eine Million Dollar Gehalt in der Woche und das breiteste Filmstar-Lächeln ihn nicht von den Dämonen befreien würden, die er schon mitbringt. Aber in der Rückschau, mit Anfang fünfzig, identifiziert er trotzdem viele dieser Glücksmomente als dauerhafte Segnungen, die ihm zusammen mit seinen Talenten in die Wiege gelegt wurden. Einschließlich des Talents, mit einem Bein im Grab zu stehen.

Eine zweiprozentige Überlebenschance habe er laut Einschätzung der Chirurgen nach der Darmruptur 2018 gehabt. Fraglich, ob dieses verlassene Kind, dieser forever unaccompanied minor, überhaupt je eine Chance hatte. Ich suche mir das »Friends-« Intro auf Youtube raus und finde, dass es heute seltsam traurig und inspiriert zugleich wirkt. »Someday, you too, might be called upon to do something important, so be ready for it.«

Tja, das sind dann ja wohl wir alle.

Matthew Perry, »Friends, Lovers, and the Big Terrible Thing« Memoir, Foreword by Lisa Kudrow, Headline Publishing, 272 Seiten. Erschienen am 1.11.2022.

»That running into me was a good thing…« (how Perry would like to be remembered; Documentary »Not just friends«)