„Frag nach Susan“ von Souvankham Thammavongsa macht das Manikürebesteck zu den Waffen einer Frau –

Der Tag geht schon gut los für Ladeninhaberin Ning. »Es fühlt sich jetzt schon an wie in einem Mund. Alles feucht, alles eng, und der einzige Weg führt nach unten«. Dabei hat die ehemalige Boxerin allen Grund, stolz auf sich zu sein. Nach dem jähen Ende ihrer Karriere hat sie sich als Kosmetikerin und Fußpflegerin durchgekämpft und schließlich ihren eigenen Laden eröffnet.

Hier führt sie ein strenges Regiment. Alle Mitarbeiterinnen (die sie „Mädchen“ nennt) tragen schwarze Kleidung, das schwarze Haar mittellang und ein Namensschild, auf dem „Susan“ steht. Auch Ning selbst. In der nordamerikanischen Stadt (der Ort ist beliebig gehalten, aber es könnte Toronto sein, wo die Autorin wohnt) könnten sich die Kund:innen den fremden Klang der laotischen Namen ohnehin nicht merken.

»Frag nach Susan« besticht durch seine außergewöhnliche Bildsprache (s.o.) und die Verknüpfung von durchgehenden Motiven mit migrantischem Alltag, den Erinnerungen der Autorin und diesem einen heutigen Tag im Nagelstudio. Daraus ergibt sich ein Roman wie ein neurologischer Schnappschuss.

Nings Geheimwaffe ist ihre Geheimsprache, in der sie sich mit den anderen Susans über Kund:innen lustig macht. Auf Laotisch lästern, während sie liebevoll Hornhaut hobelt, ist eine kleine Boshaftigkeit, die sie sich (und uns) gönnt.

Wie bei der ungenauen Ortsangabe pendelt der Text zwischen akribisch genauer Beobachtung und gähnenden Leerstellen. Dasselbe Spannungsfeld herrscht auch bei den Susans untereinander. Alle Charaktere pendeln zwischen »ich erzähl’ dir mal was« und »geht dich nichts an« und diese Balance spiegelt auch das Verhältnis zu den Lesenden, die nicht erwarten sollten, alles zu erfahren.

Was erzählt wird, ist dennoch eine Fülle von Lebenskampfszenen. Migrantische Erfahrung, zumal weibliche, ist global. Sexualisierte Übergriffe, postkoloniale Arroganz und die selbstverständliche Anspruchshaltung der „Leitkultur“ (vertreten durch Männer wie Frauen) gehören zum Alltag. Zumal im Dienstleistungswesen.

Außerdem erfährt man so viel über Nagellack, wie in keinem anderen Roman.
»Es gibt kein normales Rot.«
Sie sieht mich verwirrt an, als würden wir nicht dieselbe Sprache sprechen.
»Es gibt Apfelrot«, erkläre ich, »Kirschrot, Tintenrot, sexy Rot, Schamrot, Blassrot, Lippenstiftrot, Schüchternrot, Feuerrot, Blutrot, Bremssattelrot, Badeanzugrot, Neujahrsrot, Erdbeerrot, Nassrot, Gummirot, Rosenrot, Blumenrot – Rosen sind zwar auch Blumen, aber sie sind nicht blumenrot, Rosenrot ist ein eigenes Rot. Und noch die ganzen anderen Schattierungen wie Orangerot, Blaurot, Gelbrot …«
»Okay«, sagt Noi schließlich. »Verstanden.«
DAS nenne ich Leidenschaft für den Beruf!

Zugegeben, einige Motive sind etwas abgegriffen. »Mein Herz flattert in meinem Brustkorb wie eine Taube, die sich befreien will«. Der Vogel-Vergleich wird in diesem Roman etwas überstrapaziert, aber gerade die Taube hat noch einen wichtigen Zweitjob als durchgehendes Motiv für Verletzlichkeit an sich. Sie erinnert Ning an eine einstige Gegnerin, die nach einem k.o.-Schlag nicht mehr aufstand.

Den Box-Ring vermisst Ning nicht mehr, aber dafür den Geruch von Nagellack, sobald sie einmal kurz vor die Tür geht. Sie liebt das Produkt, das sie verkauft, aber ein Satz sagt alles über ihren Platz in dieser Wertschöpfungskette: »An uns ist Nagellack Verschwendung«.

Das Lebensmotto des Romans, »Pick a Colour« (zugleich englischer Original-Titel), spielt auf unsere Freiheit in der Wahl von Konsumgütern an. Vielen Menschen genügt dies vollauf, aber bezogen auf unsere Existenz als freie Individuen sind die Dinge komplizierter.

Da sind z.B. die Beziehungen, an die Männer wie Frauen auf vielen Ebenen zu hohe Versorgungsansprüche stellen: emotional, finanziell und gesellschaftlich. Und so bekommen, bei allen weiblichen Wunschvorstellungen des Personals, die Männer auf vergnügliche Weise ihr Fett weg.
»Mein Vater«, sagt Mai. »Er ist Single.«
Wir lachen, weil Mais Vater so alt ist wie eine Rosine, die vor achtzig Jahren unter den Kühlschrank gerollt ist.«

Trotz ihrer eigenen Desillusionierung und ihres bewussten Single-Daseins hat Ning Verständnis für die Träume ihrer Kund:innen, die diese so bereitweillig ausbreiten, als befänden sie sich in einem Therapiesessel.
»Inzwischen bin ich bei ihrem linken Ringfinger. Wo der Ehering stecken würde, wenn sie einen hätte. Der Finger, der mir fehlt. Ich nehme mir Extrazeit dafür, massiere die Knöchel, erinnere mich, wie es war, als ich ihn noch hatte. Ich halte ihren Finger fest, beschreibe mit dem Daumen Kreise, wünsche mir einen Ring für sie.«

Ning kann zugleich Verachtung und Zärtlichkeit für eine Person empfinden und scheint nie ein abschließendes Urteil über jemanden zu fällen. Nicht über ihre „Mädchen“, noch über die Menschen in ihrem Laden oder den Mann vorm Fenster, der ihr den Mittelfinger zeigt.

Souvankham Thammavongsa, »Frag nach Susan«, Roman, aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz, Ungekürztes Hörbuch, Sprecherin: Christina Ann Zalamea, Aufbau Audio, 4 Stunden 16 Minuten. Erschienen am 24.08.2026.

Souvankham Thammavongsa, »Frag nach Susan«, Roman, aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz, Aufbau Verlag, 207 Seiten. Erschienen am 24.08.2026.