In „Jetzt beginnt das Leben“ telefoniert ein suspendierter Lehrer mit seiner Vergangenheit –

Vidar, Lehrer an einer Stockholmer Schule, hat einen Schüler zu hart angefasst, als er eine Prügelei beenden wollte, und wird vom Dienst freigestellt, bis die Ermittlungen zu dem Vorfall abgeschlossen sind. Natürlich gibt es, wie immer, zwei Seiten der Geschichte, aber Vidar kann seine nicht erzählen. Er hat einen Filmriss. Auf Handy-Mitschnitten der Schüler:innen kann er erkennen, dass er den Schüler mit Wucht gegen einen Spind schleudert und dabei – weint wie ein Kind. Jetzt kann er sich nicht daran erinnern.

Und so nutzt Vidar die unverhoffte Freizeit, um sich seinem Gedächtnis zu widmen. Beim Ausräumen von Umzugskartons seines verstorbenen Vaters findet er eine alte Telefonnummer. Sie gehört zum Sommerhaus der (einstigen) Familie und aus einer Laune heraus ruft er an. Und tatsächlich erreicht er jemanden.

»Jetzt beginnt das Leben« handelt, wie viele von Schulmans Vorgängerwerken, vom verzweifelten Kampf um den Zugang zur eigenen Biografie. Und darum, neue Deutungshoheit über die eigene Kindheit zu erlangen. In diesem Fall spitzen sich Vidars Nachforschungen auf einen einzigen Tag zu: den 17. Juni 1986.

In der Hoffnung, dass seine in Oslo verheiratete Schwester ihm sagen kann, was an diesem Tag passiert ist – passiert sein muss – geht er die gemeinsamen Chat-Nachrichten durch. Er ist überzeugt davon, dass sie sich seit Jahren nichts mehr zu sagen haben. Aber dann findet er einen alten Eintrag von ihr: »Ich vermisse dich«. »Wie hatte ich darauf nicht antworten können?«, fragt er sich und spürt die Kraft der Verdrängung in seiner Psyche einmal mehr.

Autofiktionale Familienromane gibt es ja mittlerweile zuhauf und die psychologische Genauigkeit dieser Werke ist oft beeindruckend, aber Schulman zeichnet sich nicht nur durch seine Authentizität aus, die durch eigene Therapien untermauert wird. Sein Stil ist vielmehr besonders brutal und schont vor allem die Figur der Mutter nicht und den Kampf mit der Hexe, als die das Kind Vidar sie einst gezeichnet hat. Die Narzisstin bestraft ihn, als sie das Werk findet, aber ebenso unerbittlich konfrontiert er seine Mutter fast vierzig Jahre später.

Das ist es, was ich an Schulman besonders finde: niemand wird geschont, und die Beweisführung, dass diese Vorgehensweise richtig ist und der Mut dazu belohnt wird, gelingt ihm auch dieses Mal wieder.

Besonders die Hörbuchversion, gesprochen von Fabian Busch, transportiert die Atmosphäre der Telefonate mit den Achtzigerjahren perfekt. Schließlich geht es um die Macht der längst verstorbenen Stimmen, die auch nach Jahrzehnten Erinnerungen lostreten und die berühmten „Knöpfe“ drücken können.

Alex Schulman, »Jetzt beginnt das Leben«, Roman, ungekürzte Hörbuchversion, gesprochen von Fabian Busch, 5 Stunden 50 Minuten. Erschienen am 20.08.2026.