Martina Hefters Ich-Erzählerin auf Mission in der Leipziger Tieflandsbucht –

»Ohne die Liebe zum Pathos würde es Tätowierungen nicht geben, niemand, der die Nüchternheit liebe, könne jemals auf die Idee kommen, Bilder in seinen Körper stechen zu lassen, die nie wieder verschwinden«. Wie kaum eine andere Autorin schafft es Martina Hefter, Phänomene unserer Zeit, wie hier die Popularität von Tattoos, mit etwas Größerem, Allgemeingültigen, Archaischen unseres Menschseins zu verbinden.

Die Rohheit der Elemente beeinflusst im Buch das Schicksal der Handelnden: Schnee, Wind, Regen/Flut, Sonne. Das ist nicht nur »Nature Writing«, sondern die Verarbeitung von ewigen Mythen des Ausgesetztseins des Menschen.

Iona Bartschok, die Ich-Erzählerin wächst in den Allgäuer Bergen mit 15 Milchkühen auf und zieht später zum Kunststudium nach Leipzig. Symbolisiert werden diese Lebensphasen durch die zwei Baumhäuser, die sie baut. Eines als Kinderbaumhaus und eines als Kunstobjekt. Beide werden beschädigt, aber ihre Schöpferin kann viel aushalten. »Ich bin die, die zwei Baumhäuser gebaut hat. Zweimal exakt die gleiche Größe, bis auf den Millimeter genau, sechs Quadratmeter, mit den Pfählen drei Meter vierzig hoch. Zweimal die gleichen, etwas schiefen Leitern, zweimal die Nägel an den gleichen Stellen, zweimal die gleichen leichten Verziehungen im Holz.«

Iona stellt fest, dass das zweite Baumhaus, als Kunstobjekt und Anverwandlung der Natur einen Raum schafft, in dem die (erwachsenen) Betrachtenden wieder zu Kindern werden. Sie klettern hinein, verweilen und fangen an, sich Geschichten zu erzählen – wie in einer Steinzeithöhle. Manchmal setzt die Künstlerin sich dazu und lauscht. Als Studentin hatte sie sich beim Betrachten von Kunstwerken gedacht: »Kammern der Schönheit, das wär’s doch«.

Der Zyklus des denaturierten Menschen der Moderne besteht ja darin, dass bereits den Kindern die Verbindung zur Natur (symbolisiert durch das Baumhausbauen als Fähigkeit, sich in der Natur zu beheimaten) weggenommen wird, um ihnen später, wenn sie erwachsene Konsumenten geworden sind, die Sehnsucht nach der verlorenen Natur als Kunst wieder verkaufen zu können.

»Einmal Luft mit einem Glas Licht bitte«

»Die Welt in 5000 Jahren« heißt das Kunstprojekt, dem sich die Ich-Erzählerin in ihrer provisorischen Atelierbehausung (einer zugigen, leerstehenden Lagerhalle) nähern will. Eigentlich alleine, aber ans Housesitting gekoppelt ist eine Hunde-KI-App, die sie mit Aufmerksamkeit füttern soll und dann läuft ihr auch noch eine richtige Hündin, Bella, zu. Und – wie die Urzeitmenschen – entdeckt die Künstlerin den Wert dieser Verbindung, als ein Unwetter die beiden überrascht. »Und trotzdem waren diese zwei Stunden auch schön. Weil ich zum ersten Mal dachte, dass es gut war, mit einer Hündin etwas auszuhalten«.

Sie schläft so gut, wie sonst nie, »traumlos und irgendwie ernsthaft«, jedenfalls solange bis die nächste Generation in der Halle auftaucht in Gestalt von Nova, der Nichte des Vermieters. Nova kann zwar keine Baumhäuser bauen, aber Tattoos stechen. Sie kennt deren archaische Bedeutung und weiß, »dass sich Seelen im Totenreich an ihren Tätowierungen erkannten, ein Geheimzeichen, das einen verband und einem sagte, woher man gekommen und wer man gewesen sei.« Womöglich auch in 5000 Jahren noch.

Martina Hefter, »Nach der Sonne schauen«, Roman, Klett-Cotta, 272 Seiten. Erscheint am 17. Oktober 2026.

Martina Hefter, »In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen«, Gedichte, Klett-Cotta, 104 Seiten. Erschienen am 17. Januar 2026.