Jana Hensel prüft den Puls Ost-Deutschlands –

Nur noch ein einziger roter Fleck bleibt inmitten der blauen Landkarte – Jana Hensels Heimatstadtteil im Leipziger Süden. Das einzige Gebiet der ehemaligen DDR, das heute nicht mehrheitlich AfD wählt.

Den Aufstieg der AfD in Ost-Deutschland sieht Hensel als Folge des Versagens der Politik. Und als Ende der Demokratie. Beide Standpunkte sind legitim, aber nicht unumstritten. Die DDR, und jetzt die vereinigte Demokratie, von ihrem „Ende“ her zu denken, ist das Privileg der Historiker, natürlich. Aber die Perspektive derer, die damals Verantwortung trugen, als die Weichen gestellt wurden (Kohl, Schröder und Merkel), war eine eingeschränktere.

Schröders Hartz IV Gesetze als Wendepunkt und Vertrauensbruch zu markieren, finde ich richtig. Passend auch mal wieder, dass die schweizerische NZZ Hensels Arbeit zusammenfasst mit: »Viel Gefühl und keine Analyse«. Erstens stimmt das nicht – die Autorin zieht viel (manchmal etwas zuviel) belastbares Datenmaterial heran und zweitens ist es eben ein großer Fehler, nicht über Gefühle wie enttäuschte Hoffnungen und Wut über gebrochene Versprechen zu reden.

Der Vergleich mit einer gescheiterten Liebesbeziehung ist nicht unwissenschaftlich, sondern füllt die Erklärlücke, die die Wissenschaft einfach nicht stopfen kann. Dass die Wiedervereinigung ein disruptives Unterfangen werden würde, musste allen Verantwortlichen und Beteiligten klar sein. Oder um es mit Angela Merkel zu sagen, die Hensel einmal nach der Veröffentlichung eines kritischen Artikels angerufen hat: »Was hätte ich denn machen sollen?«

Jana Hensel, »Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet.«, Aufbau Verlage, 240 Seiten. Erschienen am 11.02.2026.