»Szenenwechsel« als Abrechnung mit dem deutschen Theater –
Man hat das Gefühl, Alain Claude Sulzer hätte mit dem Berliner Theaterbetrieb noch ein Hühnchen zu rupfen. Genüsslich sichtet der Erzähler, was vom Leben eines berühmten Intendanten übrigbleibt.
Simon Muthesius, pensionierte Theatergröße in Berlin, wird durch einen von ihm selbst inszenierten häuslichen Unfall aus dem Leben gerissen. Angehörige, ehemalige Freunde, Kolleginnen und Verflossene versuchen auf die Schnelle, eine Trauerfeier auf die Beine zu stellen – oder zumindest daran teilzunehmen. Dabei zeigen sie genau jene Charaktereigenschaften, die Intendant Muthesius einst an ihnen schätzte oder verachtete.
So wie der Erzähler Teile des zeitgenössischen Theaters zu verachten scheint. In besseren Zeiten schwelgend, schwärmt er von früheren Inszenierungen, »in denen ein Tisch noch ein Tisch, ein Mann noch ein Mann war und König Lear nicht von einer Frau gespielt wurde«.
Einige Rezensenten loben Sulzers sprachliche Eleganz und meinen damit wohl, dass er mit wenigen Worten einen Charakter festzurrt und dann seiner Figur keinen Spielraum mehr lässt, sich seinem Urteil zu entziehen. Bei den Nebenfiguren ohnehin. Als die Fluchtgeschichte der Iranerin Shagdi erzählt wird, deren deutscher Mann als glühender Khomeini-Verehrer nach der Revolution 1979 in Teheran bleibt, wird dessen neue Frau, Maryam, mit der er sechs weitere Kinder bekommt, so vorgestellt: »Aus einfachen Verhältnissen stammend, fiel Dienen ihr leicht.« Zack, ab mit dir in die Schublade!
Ähnlich autoritär verfährt Sulzer mit den Hauptfiguren, die zunächst von oben herab beschrieben werden, bevor sie sich dann durch ihr Handeln und Reden genau in die Rolle fügen, auf die hin sie angelegt wurden. So beim ersten Auftritt des späteren Schauspielstars Kurt Roller, einer Figur, die kaum eindimensionaler sein könnte. »Alle, außer denen, die so taten, als bemerkten sie ihn nicht, drehten sich nach ihm um. Er sah gut aus. Er war groß. Er war schlank. Er gefiel ihr. Er wollte gefallen und war es gewohnt, gesehen zu werden.«
Damit bleibt der Roman in weiten Teilen hinter dem Anspruch zurück, den sein Erzähler selbst formuliert: »Geschliffene Dialoge, originelle Situationen, lebendige Figuren – und unter der Oberfläche eine Ebene von Mehrdeutigkeiten. Eine perfekte Entwicklung von der Exposition bis zur Katharsis, wem gelang das heute noch? Wen interessierte es noch?« Mich hätte es schon interessiert.
Alain Claude Sulzer, »Szenenwechsel«, Roman, Verlag Kiepenheuer&Witsch, 256 Seiten. Erschienen am 03.09.2026.


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