»Ich werde wahnsinnig«. Julias über neunzigjährige Mutter Ann hatte einen Schlaganfall, liegt auf der Intensivstation und es braucht jede Menge Unterlagen. Die sind zwar »in sorgfältig etikettierten bunten Hüllen geordnet«, aber von den Passwörtern, z.B. fürs Online-Banking oder die Krankenhaus-Zusatzversicherung, funktioniert keines. Ändern kann Julia die Zugangsdaten nicht, »weil für die Nutzerdaten Codes verlangt werden, die auf das Handy meiner Mutter geschickt werden, das Handy eine Pin hat und die SMS eine Onlineüberprüfung. Ich warte stundenlang in Telefonwarteschleifen, um mir am Ende sagen zu lassen, dass ich schreiben solle.«
Ann, die vier Sprachen fließend spricht und bis ins hohe Alter als Übersetzerin arbeitete, ist fast nicht mehr ansprechbar und aufgrund der Untersuchungen wird ihre Überlebenschance auf wenige Tage geschätzt. In den emotionalen Tumult, den Julia zu ertragen hat, mischt sich die Bedrohung durch ein Gesundheitssystem, das, von den Gesunden unbemerkt oder geduldet, schon längst seinen Dienst versagt hat. Und obwohl sich der Roman in Frankreich abspielt, können Lesende hierzulande die Verhältnisse wiedererkennen. Zumindest diejenigen, die »betagte Familienmitglieder in beinahe einstürzenden Krankenhäusern« haben.
Die Ärztinnen versichern Julia, dass alles medizinisch Mögliche getan werde. Doch sie sieht ja mit eigenen Augen, was von den Räumen ausgeht, in denen sie arbeiten, »von diesem Flur, der einem einhämmert, dass man ein Nichts ist, dass man es nicht wert ist zu leben und noch weniger, auf Kosten der Gesellschaft gepflegt zu werden.« Um die seltenen Sprechstunden, die nötig werden, weil ihre Mutter gar nicht daran denkt, zu sterben, muss Julia mit viel Energie betteln, nur um festzustellen, dass sie nutzlos sind. »Es kommt mir so vor, als sprächen wir nicht die gleiche Sprache. Sie denkt, dass ich schlussendlich aufgeben werde. Ich denke, dass sie schlussendlich ihre Arbeit als Ärztin machen wird, bei den Patienten.«
Julia ist Schriftstellerin und es macht den Reiz dieses Memoir aus, dass, parallel zur Erosion der staatlichen Einrichtungen, das Geschichtengebäude ihrer eigenen Familie bröckelt. Hat Ann ihr wirklich die ganze Wahrheit gesagt? Julia weiß nicht, woher ihr Misstrauen kommt. Es ist plötzlich da. »Der neue Satz brach am Horizont hervor. Blitzartig setzte sich die Landschaft vor meinen Augen neu zusammen. Kaum anders als der alte, bedeutete er doch, dass wir unsere Leben auf einer Fiktion aufgebaut hatten. In ihm löste sich alles, was in unserem Leben ungeklärt geblieben war.« Trotzdem bekommt Julia das missing link der Evolution ihrer Familie nicht zu fassen. Dazu bräuchte sie die Aussage ihrer Mutter.
»Und so bleiben Sie beschäftigt«, sagt die Sozialarbeiterin zu Julia nach mehreren Monaten »und schiebt meine Unterlagen zur Seite.« Die Odyssee ihrer Mutter durch die falschen Stationen unpassender Kliniken und die aufreibende Suche nach einem bezahlbaren Pflegeheim haben sie »zu einer Faulenzerin« gemacht, »die mit sinnlosen Behördengängen überhäuft werden muss, um ihr wieder ein Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln. […] Ich kehre zurück in die Passworthölle.«
Julia Deck, »Die Wahrheit über Ann«, Roman, aus dem Französischen übersetzt von Sina de Malafosse, Nagel und Kimche, 256 Seiten. Erschienen am 24.02.2026.


Schreibe einen Kommentar