»Das waren alles Menschen, die immer so lieb zu mir waren als Kind, und ich war dort so glücklich und jetzt komme ich mir vor, als würde ich über das alles drübertrampeln. Was ist, wenn ich ihnen allen unrecht tue?«

Lina kann nicht aufhören zu lesen, zu forschen, zu bohren. Plötzlich kommt es über sie, das Gefühl etwas herausfinden zu müssen darüber, was ihr Großvater „im Krieg” eigentlich wirklich für eine Funktion innehatte. Also fordert sie seine Akte im deutschen Bundesarchiv an.

Ihre Familie stammt aus der donauschwäbischen Gemeinde „Franztal” bei Semlin (Zemun), das heute ein Stadtteil von Belgrad ist und wo von 1941 bis 1944 ein KZ, das „Anhaltelager Semlin” (Sajmište) bestand, in dem 8000 bis 10000 serbische und kroatische Jüdinnen und Juden den Tod fanden. Zum Teil wurden sie in mobilen Gaswägen getötet, die quer durch Belgrad zu den Massengräbern fuhren.

Lina will herausfinden, was ihre donauschwäbische Verwandtschaft von den Vorgängen im KZ wusste und liest, dass sie womöglich sogar daran verdienten, denn die SS traf mit den Deutschen in den besetzten Gebieten eine Vereinbarung, nach der die Vermögensobjekte der jüdischen Opfer primär an diese „Volks- und Reichsdeutschen“ verteilt werden sollten. Sie fragt sich, wieviele von den geliebten Gegenständen, die ihre Großmutter noch „von Dahoom” hatte, wirklich ihre waren und »ob ich eigentlich nach einer Entlastung meiner Großeltern suche, nach einer Bestätigung der Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen bin, von „es nicht besser wissen“ und „keine Wahl gehabt haben“.«

Alte Papiere im Elternhaus in Salzburg berichten davon, dass ihr Großvater seine Zeiten in der SS bei der Rentenversicherung geltend gemacht hat. Es kostet sie große Überwindung, ihre Mutter darauf anzusprechen. »„Als Pensionsjahre? Die Zeit, als er in der – also im Krieg war?“, frage ich.

Lina weiß, dass sie vermintes Gebiet betritt, dass menschliche Gemeinschaften sich lieber auf die Überbringerin der Botschaft stürzen, als auf die Wahrheiten, die sie ans Licht bringt. Und so sind ihre tastenden Schritte in die Vergangenheit gegen das spürbare Misstrauen ihrer Mutter vor allem eines: schwer. Im wahrsten Sinne des Wortes.
»Als meine letzte Nachricht im Chatfenster erscheint, fühlt es sich plötzlich an, als würde sich die Schwerkraft doppelt so stark an meinen Körper hängen, als hätte ich etwas zugegeben, was ich nicht mehr zurücknehmen kann.«

Das Gewicht der nicht verarbeiteten Schuld auf den Schultern der Nachkommen zieht sich sprachlich durch den Roman und macht die Gespräche mit unterstützenden Freundinnen, die in ihrer Fülle vielleicht sonst zu therapeutisch geraten wären, literarisch spannend.
»Franzi sagt nichts und meine letzten Sätze hängen sich wie übergroße nasse Bettlaken auf eine unsichtbare Wäscheleine zwischen uns, ziehen sie nach unten.«

»„Widersprüche aushalten“, bekommt Lina als Rat von einer ihrer Zuhörerinnen mit auf den Weg, „erst aushalten und dann damit umgehen.“« Sie beherzigt beides und tritt alleine eine Reise nach Belgrad an, ohne zu wissen, was sie dort zu finden hofft.

Auf der Buchmesse in Leipzig, bei der die Donauregion Fokusthema war, wird Braschel nach dem Echo auf ihren Roman in der donauschwäbischen Community gefragt. Ein häufiges Feedback sei ”meine Großeltern auch”, antwortet sie. Wie in Deutschland ist es wohl auch in Österreich die Kriegsenkel-Generation, die sich verstärkt den Fakten der Familiengeschichte stellt und sich mit dem schweren Schweigen nicht mehr abfinden will.

Auf die abschließende Frage an die Autor:innenrunde, was sie mit dem Fluss Donau verbinden, nennt Braschel Abkühlung und Untertauchen. Sich auch mal treiben lassen. Und, so vermute ich, manchmal eben auch Dinge am Grund finden, von denen man gar nicht wusste, dass man nach ihnen gesucht hat.

Katherina Braschel, »Heim holen«, Roman, Residenz Verlag, 272 Seiten. Erschienen am 19.Jänner 2026.