»Ich nahm all die Sachen in all den Zimmern viel bewusster wahr, die Fülle und der Zerfall drangen ungehindert in meinen Körper.«
Die Attacke des Materials ist das Erste, was die Ich-Erzählerin nach der Beerdigung ihres Mannes zu spüren bekommt. Den physischen Übergriff durch die Sachen, die sortiert werden wollen, Aufmerksamkeit fordern und Kraft. Ohne Hilfe von außen ist das für die Trauernde nicht zu bewältigen.
»Es war der vergebliche Kampf gegen die Überlegenheit der Dinge.«

Die niederländische Soziologin Christien Brinkgreve hat ein zugleich persönliches und repräsentatives Buch geschrieben, das nicht im Deckmäntelchen „Roman” daherkommen muss. Das Zitat von Annie Ernaux, das sie ihrem Memoir voranstellt, lautet »Familienerzählung und gesellschaftliche Erzählung waren eins«.

Die Lesenden bewegen sich mit der Witwe durch die Phasen der Trauer im ersten Jahr. Auch die der »Verärgerung: wegen des Drecks, in dem ich zurückgeblieben bin, des unsortierten Chaos, das uns aufgehalst wurde. Wegen der mangelnden Sorge für uns. Momente reiner Wut darüber, wie er uns zurückgelassen hat.«

Sie denkt darüber nach, wann und wohin der Mann verschwunden ist, in den sie sich einst verliebte. Und fragt sich: »wo ist die Frau geblieben, die ich einmal gewesen bin?«

An der Universität ist sie in den Siebzigerjahren Teil einer Minderheit von Wissenschaftlerinnen. »Aber damals zählte für mich vor allem, dass ich bei den Jungs mitmachen durfte.«

Als sie den sieben Jahre älteren, verheirateten Journalisten Arend Jan Heerma van Voss (im Buch nur A. genannt) kennenlernt, ist sie fasziniert von seiner Intellektualität und Weltläufigkeit.
»Ich hatte nur wenig zu melden, und das gefiel mir, seine Autorität entlastete mich in gewisser Weise.«

Wie sich die subtile Dynamik des Machtgleichgewichts über vierzig Jahre entwickelt, ist die Erzählung vieler 68er-Paare.
»Rückblickend irgendwie verrückt, diese Gleichzeitigkeit, einerseits frei und unabhängig auf einem Motorroller über die Insel brausen, die Selbstständigkeit einer Person mit einem Job und einem Haus und einer Doktorarbeit, und andererseits die Wehrlosigkeit in Bezug auf seinen Unmut. Es verblüfft mich erneut.«

Wie A. über die Jahrzehnte ihre Lebensfreude und Durchsetzungsfähigkeit ausbremst, wird der Ich-Erzählerin erst rückblickend klar und es ist ein großes Verdienst dieses Buches, dass sie, als führende Vertreterin der Frauenforschung in den Niederlanden, das so unumwunden zugeben kann.
»Man glaubt, aktiv zu handeln, aber wird von Kräften gelenkt, derer man sich kaum bewusst ist.«

Getrieben von dem Gedanken »Bloß nicht das Leben meiner Mutter führen« rauscht sie geradewegs in die Falle, die für ihre Generation schon bereitsteht: die Doppelbelastung.
»Viele unserer Mütter waren depressiv oder litten unter Kopfschmerzen, wir  — ich spreche kurz im Plural von unserer Generation  — führten das auf das beengende und einschränkende Hausfrauendasein zurück.«

Auch als zwei Söhne auf die Welt kommen, für deren Betreuung Kindermädchen engagiert werden, geht die Erzählerin „zwischendurch” einkaufen, kocht für viele Gäste, lehrt, publiziert, ist erschöpft. Aber sie muss nicht das Leben ihrer Mutter führen.

A. bei Laune zu halten gelingt ihr bei aller Anstrengung nicht. Mit ihrem wachsenden beruflichen Erfolg wird er immer unleidlicher und als er in Rente geht, beeinträchtigt ihn dieser Einschnitt so, dass aus seinem Bedürfnis, sie lächerlich zu machen, offene Verachtung wird, die auch den Kindern und gemeinsamen Bekannten nicht verborgen bleibt.

»Er sah sich selbst als Bewacher der Wahrhaftigkeit an, betrachtete Pessimismus als Realismus, blickte auf Heiterkeit als etwas Zweitrangiges herab, etwas Naives.«

Es sind solche Stellen, an denen sich im Text die inhaltliche Schonungslosigkeit mit der außergewöhnlichen Schönheit der Sprache paart: »Meine Versuche, die Stimmung zu retten, klangen hohl, prallten ab, ich hörte mich selbst reden, die Worte kehrten unverrichteter Dinge zu mir zurück. Die Kräuselungen dieses Unvermögens sind spürbar.«

Während wir staunend vor der technischen Entwicklung der Menschheit stehen, überwiegt bei Brinkgreve, wie bei vielen Feministinnen ihrer Generation, die Verblüffung darüber, wie wenig sich doch im Laufe eines halben Jahrhunderts ändert.

»Mutterschaft, Gewalt gegen Frauen, Abtreibung: Das waren die Themen jener Zeit. Die werden jetzt wieder aufgegriffen und erneut beleuchtet, denn die Karrenspuren des Patriarchats wirken viel stärker und unvorhergesehener fort, als wir früher hätten vermuten können.«

Brinkgreve hat all das aus der Vergangenheit geschält, was sie zum Zeitpunkt der Beerdigung, mit der dieser Weg beginnt, noch nicht mit klar benennen konnte. So verzichtet sie zunächst auf persönliche Worte am Grab.
»Das Einzige, was ich hätte sagen können, war: Du hast es uns wirklich nicht leicht gemacht, aber wir haben dich trotzdem geliebt. „Das geht nicht”, sagte die Freundin, die die Zeremonie organisierte, „dann sagst du besser nichts”.«

Zum Glück hat sie sich nicht daran gehalten und dieses Buch geschrieben. Sich einer Reise gestellt, an deren Ende etwas von ihrer großen Liebe übrigbleibt, das sie gut ertragen kann.
»Ich verspüre oft das Bedürfnis, ihn kurz anzurufen,
wenn ich irgendwo angekommen bin, in einer anderen Stadt, einem anderen Land.«

Christien Brinkgreve, Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen, aus dem Niederländischen übersetzt von Lisa Mensing, Hanser, 192 Seiten. Erschienen am 17.02.2026.