Lena Gorelik würdigt »Alle meine Mütter« und spielt mit den vielen Frauenrollen in ihrem Roman. »Ich lege sie aus wie Pflastersteine. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns.«

Manche sind seit Jahrzehnten tot, andere leben noch. Manche sind mit ihr verwandt, andere leben in ihrem Umfeld. Lena Gorelik beobachtet Mütter, verändert ihre Namen, tauscht aus, wiederholt Schicksale mit anderen Vorzeichen. »Alle meine Mütter« erzeugt den Eindruck von repetitiven Abläufen in aller Mütter Leben und von der Beliebigkeit des Personals, ohne den Beteiligten ihre Würde zu nehmen.

Um die müssen sie täglich kämpfen. Jede Generation aufs Neue. In einer Abtreibungsklinik der Sowjetunion (wo, so erfahren wir, Abbrüche seit 1920 legal waren und in großer Zahl als Verhütungsersatz durchgeführt wurden – bis zu 250 pro Klinik pro Tag), auf dem Amt, in der Straßenbahn. Und das durch viele Generationen. »Mütter, die einander nicht sehen, in diesem Freibad und an jedem anderen Ort.« Bei völlig getrennten Lebensläufen bindet der Text sie mit der
Kontinuität von „Frauendingen” zusammen.

Für die Notizen zum Manuskript benutzt die Erzählerin ein altes, von ihrem Sohn selbstgebundenes und verziertes Heft.
»Am Ende schreibe ich extraklein, weil ich nicht weiß, welches Notizbuch diesem folgen könnte. Bleib so, bleib genau da« möchte sie am liebsten zu ihren Kindern sagen. »Wir sagen das nicht zu unseren Kindern, schlucken es herunter, sagen es ohne Worte. Sie stecken in unseren Fingern, mit denen wir ihnen durch die Haare fahren, jetzt, solange sie noch kleiner sind als wir.[…] Bleib so, bleib genau da, wo ich dich beschützen kann. Oder wenigstens trösten.«

Aber der Augenblick, wie schön und zärtlich auch immer, hört nicht auf „verweile doch”. »Irgendwann werden die Kinder fort sein, dann bin ich – das Wort habe ich vor Kurzem gelernt – keine praktizierende Mutter mehr.«

Lena Gorelik, Alle meine Mütter, Roman, Rowohlt, 272 Seiten. Erschienen am 13.3.2026

Lena Gorelik, »Alle meine Mütter«, Hörbuch ungekürzt, gesprochen von Inka Löwendorf, argon, 6 Stunden 51 Minuten. Erschienen am 13.3.2026.