Vom komplexen Gefängnis weiblicher Attraktivität –

»Ich habe gelernt, dass ein erfülltes Leben nicht von Äußerlichkeiten abhängt. Aber ich glaube nicht daran.« Die Tochter von Ich-Erzählerin Vio hat im Alter von zwei Jahren einen Unfall, von dem sie lebenslange Narben im Gesicht davontragen wird. Vio verliert sich fortan in Schuldgefühlen und eigenen psychosomatische Reaktionen auf den Vorfall und stellt Betrachtungen über den Stellenwert von Schönheit in Familie und Gesellschaft an.

In ihrem Fall sind das zwei Gesellschaften. Als sie selbst ein Kleinkind war, ist sie mit ihren Eltern sofort nach Ceaușescus Sturz aus Rumänien nach Deutschland eingewandert. Genauer gesagt aus dem Banat, jener Region, die Österreichs Kaiserin Maria Theresia einst mit Untertanen besiedeln ließ, die entweder ihr Glück suchten oder ihrem Unglück schon anheim gefallen waren und allesamt „Schwaben” genannt wurden.

Im Roman bekommt die Banater Erde eine eigene Stimme, als schwer zu kultivierende, sumpfige Landschaft. » … nichts konnte diese Erde aus sich selbst hervorbringen, zu allem musste man sie zwingen, sie ständig trockenlegen, wie einen Säugling.«

Eine weitere Stimme ist Theresia, eine Art Ur-Ahnin der vier Generationen, von denen im Roman erzählt wird. Sie verliebt sich im 18. Jahrhundert in ihrer österreichischen Heimat in den Dorfpfarrer, wird von ihm verführt und zur Strafe dafür von der kaiserlichen „Keuschheitskommission” in die Banater Verbannung geschickt, wo sie zusätzlich zu allen Strapazen noch feststellt, dass sie schwanger ist.

»Viele sind schön hier reinkommen, aber noch keine wieder raus.« wird sie von den anderen „gefallenen” Frauen begrüßt und ausgiebig gemustert: »Kein Wunder, dass d’ hier bist. Zu viel Schönheit hat noch keinem Weib was Gut’s bracht.« Über diesen 250 Jahre alten Spruch, könnte man ja heute auch noch mal nachdenken.

»Die Schönheit einer Frau: Herabsetzung oder Machtquelle?« heißt Susan Sontags gerade neu veröffentlichter Essay. Darin deckt sie das Paradox weiblicher Anziehungskraft auf. »Schön zu sein macht einen einzigartig, außergewöhnlich. Aber schön zu sein bedeutet auch, einer Norm oder Regel zu entsprechen«. Schönheit anzustreben ist erwünschtes Verhalten bei Mädchen und Frauen, sie zu besitzen jedoch ein Grund für Neid und Ausgrenzung.

Als durchgehendes Motiv für die Anstrengungen der Anpassung dient im Roman ein Korsett, das Vio ausgerechnet als Teenager Tag und Nacht tragen muss, als bei ihr eine Skoliose diagnostiziert wird. Es symbolisisiert das brutale „Geraderichten” eines halbwüchsigen Menschen entlang der Ideallinie. »Sie hatte immer gerne auf der Seite geschlafen. Das ging jetzt nicht mehr, nur noch Rückenlage war möglich.«

Der Chor der Banater Erde kontert die Obsession der Ärzte mit Vios gerader Wirbelsäule mit den Verdiensten derjenigen, die das Banat urbar machten. »Eure Wirbel haben sich an eurer Hände Arbeit angeschmiegt […] Gibt es einen ehrenwerteren als den gebeugten Gang? Aller Welt zu zeigen, dass man gegen Mühsal gekämpft, sich ihr entgegengestemmt hat, mit allem, was man ist?«

Vios Großmutter, die sich auch entschließt, das Banat zu verlassen, steht dann auch für den Zweifel an der Entwurzelung zugunsten eines „besseren” Lebens. Sie und Vio spüren die Veränderung der Familie durch den Leistungsdruck. »Die Freude der Eltern lag verschüttet unter der Aufgabe, ein neues Leben aufzubauen«.

Dazu gehört auch die Anpassung an die Regeln von Aussehen und Mode. Susan Sontag schreibt: »Schönheit ist ein Klassensystem, das gemäß den sexistischen Normen funktioniert; seine erbarmungslosen Bewertungsmechanismen, seine beharrliche Begünstigung von Überlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühlen halten sich trotz (vielleicht auch wegen) eines beachtlichen Ausmaßes an sozialer Mobilität. Schönheit bedeutet, stetig am eigenen sozialen Aufstieg zu arbeiten«.

Die Wahl von Vios Brautkleid kommentiert ihr Vater mit »Unser erstes Auto in Deutschland war billiger«. Die Anpassung an die neue Heimat ist geschafft, der Wandel vollzogen. Vio hat die Schule erfolgreich abgeschlossen und studiert. Mit der Hochzeit wird diese positive Entwicklung besiegelt. »Alles für unsere Braut«, fügte ihre Mutter mit glänzendem Augenzwinkern hinzu.« Und nennt Vio »meine Schöne«, wie alle Mädchen der Familie von jeher zärtlich genannt werden.

Derweil beginnt die Großmutter, Antidepressiva gegen ihre Panikattacken zu schlucken, die sie erst hat, seit sie nach Deutschland übergesiedelt ist. Auch Vio entwickelt psychosomatische Beschwerden nach dem Unfall ihrer Tochter. Sie hat Aussetzer, Absencen, so dass ihre Mutter sie bittet, auch noch aufs Autofahren zu verzichten, was Vios Bewegungsradius noch weiter einschränkt. »Sie hat recht, ich habe mein komplettes Kontingent an mütterlichen Fehlern mehr als aufgebraucht. Ab jetzt muss ich immer alles richtig machen. Ich kann mir kein aufgeschürftes Knie, keine Platzwunde erlauben.«

Erst als ihre Therapeutin sie darauf hinweist, dass sie immer nur »meine Tochter« sagt, aber nie deren Namen, lichtet sich der Nebel von Vios dissoziativen Zuständen. »Sophie. So heißt meine Tochter.« Es ist ein erster Schritt zurück in die Normalität. »Aber „meine Schöne” ist nie zurückgekehrt. Nachdem es lange Zeit die Frauen unserer Familie vereinte, ist Schönheit jetzt eine Leerstelle.«

Betty Boras, »Das schönste aller Leben«, Roman, hanserblau, 240 Seiten. Erschienen am 17.02.2026.

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Do, 19.03.26, 15.00-16.00 Uhr, »Donauschwaben 2.0 – Welche Heimat?«, Donaubühne (H4, D 300/C 301).
Do, 19.03.26, 20.00-21.00 Uhr, »Das schönste aller Leben«, Gohliser Schlösschen, Oesersaal.
Fr., 20.03.26, 15.00-16.00 Uhr, »Im Nachhall der Herkunft« TRADUKI Stand (H4, D 403).

Susan Sontag, »Über Frauen«, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Kathrin Razum, Hg. David Rieff (das ist übrigens Sontags Sohn), Fischer TB, 208 Seiten. Erschienen am 24.09.2025.