Sagte ich neulich, dass ich keine Krimis lese? Das war gelogen. Zum ersten Mal seit Langem habe ich ein Buch in einer schlaflosen Nacht zuende gelesen, weil es geradezu hypnotisch auf mich wirkte.
Wie Macht funktioniert lernen wir in unseren frühen Beziehungen. In der Herkunftsfamilie natürlich, aber vor allem auch durch Peers und horizontale Rollenvorbilder an der Schule. Ultramarin – war das nicht die Farbe gleich neben Preußisch-Blau im Pelikan-Tuschkasten?
Lou, der mit seinem alleinerziehenden Vater aufwächst, gerät in den Bann des charismatischen Klassen-Neuzugangs Rafael. Sophie, Rafs geheimnisvoll-intellektuelle Schwester spielt auch eine zentrale Rolle für die Dynamik, ebenso wie der engelhaft erscheinende Jakob, in den Lou sich später verliebt. »Als Sophie gegangen war, drückte Raf mich nach unten, er war brutaler als früher, ich musste mehrere Male würgen. Aber ich war nur froh, bei ihm zu sein. Wir sprachen beide nicht. Hinterher warf er mich aus der Wohnung.«
Als Reaktion auf Rafaels Brutalität entwickelt Lou immer mehr Unterwürfigkeit, mit der er versucht, Raf zu besänftigen. Er lernt obsessiv, besonders raffiniert zu kochen und unterdrückt konsequent seine eigenen natürlichen Reaktionen. »Ich starrte das Soufflé an, gern hätte ich eine Faust darin versenkt.«
Ebenso versucht er, die große Anziehungskraft zu verbergen, die Jakob auf ihn ausübt. »Aber ich sah Rafs Gesichtsausdruck genau vor mir. Ich wusste, ich konnte nicht beide haben, wusste, Raf würde das nicht zulassen.«
Als Sophie einen gemeinsamen Urlaub absagt und stattdessen ihre Freundin Nora mitfährt, eskaliert die Dreier-Situation mit dramatischen Auswirkungen auf Lous blockierte Erinnerungen.
Der Roman ist nicht bloß eine queere Coming-of-Age Erzählung, sondern ein außergewöhnlich packendes Debüt – großartig konstruiert und sprachlich beneidenswert souverän gelöst.
Ann-Christin Kumm, »Ultramarin«, Roman, Hanser Berlin, 224 Seiten. Erscheint am 17.03.2026.
Ann-Christin Kumm ist auf der Leipziger Buchmesse. Do, 19.3.2026 19.00 bis 21.30 KrimiClub im Landgericht. Landgericht Leipzig.


Schreibe einen Kommentar