Daniel Schreiber probiert’s trotzdem –


Auf dem Weg zu meinem traditionellen Neujahrs-Katzensitting, diesmal in den Niederlanden, lasse ich mir Daniel Schreibers neues Buch »Liebe! Ein Aufruf« im Autoradio vorlesen.

Als Rahmenhandlung für seinen Essay dient dem Autor die Erinnerung an einen seiner Schreibworkshops, die ihn mit der Hoffnung versorgen, dass es doch noch jede Menge Menschlichkeit und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gibt. »Für mich gab es keinen besseren Weg, einen Zugang zu dieser Menschlichkeit zu finden, als den Geschichten anderer Menschen zuzuhören, ihren echten Geschichten, dem, was sie und wirklich nur sie zu sagen haben.«

Schreiber schildert die empathisch-liebevolle Atmosphäre, die in solchen Seminaren entsteht, ganz zu schweigen von der Produktivität, die sie befeuern. Ich habe das selbst oft so erfahren und bin dankbar, mir solche Veranstaltungen ab und zu gönnen zu können.

Immerhin streift der Autor die Tatsache, dass nur Wohlhabende so ein Seminar bezahlen können und die Bemerkung macht mich natürlich neugierig. Google informiert mich, dass für 2026 fast alle Workshops bei Daniel Schreiber ausgebucht sind. Es gebe aber noch einige wenige Restplätze für den September am Scharmützelsee. Die Seminargebühr mit vier Übernachtungen und Vollpension belaufen sich auf 2.650 Euro (Bei individueller Anreise, Link zu Anmeldung, Seminarinhalt und Unterbringung s.u.).

Das Prekariat wird wohl auch weiter im stillen Kämmerlein schreiben oder aber sich kostenlos im Netz radikalisieren. Als es bei »Liebe!« um die wirtschaftlichen Verwerfungen in unserem Land geht, wird das Garantierte Grundeinkommen immerhin namentlich genannt und ich horche auf und denke, dass es jetzt konkret wird. Aber Schreiber holt nur noch weiter aus zu einem listenartigen Aufruf politischer, ökonomischer, ökologischer und moralischer Rechtschaffenheit, der allgemeiner nicht formuliert sein könnte.

Er bemüht sich gar nicht erst um einen kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen unseren Bevölkerungsgruppen und den verschiedenen Generationen, sondern schafft mit breiten impressionistischen Pinselstrichen einen Riesen-Nenner. Ein weites Januar-Nebelfeld von guten Vorsätzen zur Rettung unseres Gemeinwesens, in dem alle sich wiederfinden können. »Doch die Lösung fängt immer im Kleinen an. Nicht nur Hass ist ansteckend, auch Nächstenliebe, Anstand und Empathie sind es. Unsere Welt ist auch ein Spiegel unserer persönlichen Beziehungen, zu unseren Familien und Freundinnen, zu Nachbarinnen und Bekannten, zu politschen Verbündeten und Gegnerinnen … « Wer würde dazu nein sagen?

Schreiber schafft das Kunststück, die Ängste unserer Zeit offen anzusprechen und im selben Moment elegant über sie hinwegzugleiten. Das macht »Liebe! Ein Aufruf« zu einem beruhigenden Buch, das fast schon wieder vergessen lässt, dass wir uns nicht nur zwischen den Jahren, sondern zwischen den Zeiten befinden.

Dass mit der Zeitenwende zwangsläufig eine historische Rolle rückwärts, ein bedrückendes Déja-Vu, verbunden ist, erlebe ich auf dieser Reise am eigenen Leib. Als ich an meinem Neujahrs-Zielort in den Niederlanden ankomme, widerfährt mir beim Einparken etwas, das ich nur von Erzählungen meiner Eltern aus der Nachkriegszeit kenne. Ich werde von einem Passanten lautstark als „Dummdeutsche” beschimpft. Er ist, wie ich, um die sechzig, führt einen Hund an der Leine und behauptet auf fehlerfreiem Deutsch, dass ich zu blöd für die hiesige Straßenverkehrsordnung bin.

Nachdem ich mich vergewissert habe, dass mein Wagen korrekt geparkt ist und einen Blick auf den Hund (ein Golden Retriever) geworfen habe, gehe ich auf die beiden zu. »Entschuldigen Sie, dass ich Deutsche bin«. Irritiert wechselt der Nörgler auf die andere Straßenseite. »…Ein Spiegel unserer Art, wie wir auf uns fremde Menschen zugehen. […] Wenn wir eine freundlichere, respektvollere Welt wollen, müssen wir bei uns selbst beginnen.«

Ich bin schon am Gepäckschleppen, als der Gassigeher nochmal zurückgedackelt kommt. Es seien die Touristen, die ihn störten, nicht so sehr die Deutschen, korrigiert er sich. Die Tatsache, dass er meine Sprache kann, spricht ja auch dafür, dass er sich irgendwann mal mit welchen verstanden hat.

»Ich bin keine Touristin«, kläre ich ihn auf. »Ich bin gerade 374 Kilometer bei Nebel und Glatteis gefahren, um die drei Katzen ihrer Nachbarin vor Silvesterböllern zu beschützen.« Bei so viel Liebe fällt ihm nichts mehr ein. Er klettert in seinen grauschwarzen Kastenwagen und verschwindet in die grauschwarze Nacht über Holland.

»Ich möchte dazu aufrufen, sich nicht hinter unseren Bildschirmen und in den sozialen Netzwerken zu verstecken, sondern, wo immer es geht, persönliche Gespräche zu initiieren«. Na also. Geht doch.

Daniel Schreiber, »Liebe! Ein Aufruf, Hanser Berlin, 160 Seiten. Erschienen am 18.11.2025.

Die Überschrift ist ein Zitat von Hannah Arendt, das Daniel Schreiber verwendet. Es stammt aus: „Hannah Arendt: Denktagebuch 1950—1973, herausgegeben von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann, München 2020, S. 522“

Meine Besprechung von Daniel Schreibers Vorgänger-Essay »Zeit der Verluste« findet sich hier