»Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?« von Wencke Mühleisen führt in die späten Turbulenzen einer langen Ehe –

Als Jan seiner Frau, Ich-Erzählerin Erika, im Italienurlaub erzählt, dass Freud in den 1880er Jahren in Triest bei meeresbiologischen Studien auf die Suche nach Hoden bei Aalen ging und diese nicht finden konnte, ist das ein originelles Foreshadowing dessen, was sich an Drama im Roman entfalten wird. Sein eigener Mangel an Eiern führt das Paar tiefer in die Krise als ein beherztes Geständnis zur rechten Zeit es getan hätte.

Nun hat Erika zwanzig Jahre zuvor auch ein Affäre gehabt und geschwiegen, so dass man meinen könnte, die beiden seien quitt, nun, da Jan eine Geliebte hat. Aber so einfach ist es nicht, denn beide sind jenseits der Sechzig und »jetzt war ich eine andere geworden. Eine weitaus fragilere Version meines früheren Ich«.

Nachdem Jan ihr beim Abendessen (»gefüllte Paprika«) für sie völlig überraschend gestanden hat, dass er seit anderthalb Jahren mit der um Einiges jüngeren Marie „zusammen” ist, hat Erika Anlass, über die Warnzeichen nachzudenken, die sie nicht sehen wollte. Und über ihren eigenen Fehltritt, den Jan nach Jahren selbst herausfinden musste.
»Was aber macht der Betrogene mit dem plötzlichen Wissen, Tag für Tag belogen worden zu sein? Das ist die Hölle der retrospektiven Erkenntnis und der fatalen Neukalibrierung der eigenen Erfahrung, es ist, als würde man von einer fremden Macht überfallen, die eine andere Erzählung über die eigene unmittelbare Vergangenheit spinnt«.

In der Phase, die auf den letzten gemeinsamen Urlaub folgt, schwankt die Ich-Erzählerin zwischen offenem Toben und angestrengter Analyse, auch mithilfe einer Paar-Therapie. An der Stelle muss ich an eine ganz alte Titelstory von Psychologie Heute über das Ausdiskutieren frischer Wunden denken. Die Schlagzeile lautete: »Gut, dass wir nicht drüber geredet haben«.

Hellrot schäumende, blubbernde Wut ergießt sich über viele Seiten und mich beschleicht ein Verdacht, den ich mit einigen Klicks bestätigt bekomme. »Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?« ist in Norwegen bereits 2020 erschienen und ist ein Vorläufer von Mühleisens Erfolg »Alles, wovor ich Angst habe, ist schon passiert«, der im vergangenen Jahr auf den deutschen Markt kam und weniger roh ist, sondern wesentlich verarbeiteter und reifer (wobei das in unserem Alter vielleicht etwas seltsam klingt).

Die immer gleiche Masche der Verlage, zunächst die Spitzentitel der Nachbarländer in Übersetzung zu veröffentlichen, abzuwarten, wie sie sich hier verkaufen und dann die Vorgängerwerke hinterher zu schieben, hat mich schon oft geärgert. Alex Schulmans »Vergiss mich« (dtv, 15.5.2025) zum Beispiel, sein Memoir über die Alkoholsucht seiner Mutter, erschien im schwedischen Original bereits 2016 und nimmt sich im Vergleich zu seinen großen Romanen »Verbrenn all meine Briefe« (Schweden 2018/ Deutschland 2022) oder »Die Überlebenden« (Schweden 2020/ Deutschland 2021) wie eine Fingerübung aus. Auch Stine Pilgaards Debüt »Sagt meine Mutter« (Kanon Verlag November 2022, Dänemark 2012!) fällt steil ab gegenüber ihrem Erfolg »Meter pro Sekunde« (Dänemark 2020, Deutschland, Februar 2022). Die für Lesende erkennbare Entwicklung übersetzter Autorinnen verläuft hierzulande also umgekehrt chronologisch und damit tut man ihrer langfristigen Reputation in Deutschland keinen Gefallen. In kommerzieller Hinsicht mag das eine Gewinnmitnahme sein, in literarischer nicht. Fairer wäre es, den nächsten, auf den Bestseller folgenden Roman, abzuwarten.


»Das war das Allerbeste. Dass mir jemand eine gute Nacht gewünscht hat.«

Trotz allem besticht »Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?« durch die entwaffnende Selbstkritik einer Feministin, die lange geglaubt hat, »nicht Teil dieses weiblichen Schicksals zu sein«, womit sie die Erwartungshaltung der Gesellschaft an Weiblichkeit meint.
»Instinktiv hatte ich mich schon als Kind geweigert, bestimmten Erwartungen zu entsprechen, was ich als Mädchen und später als Frau zu tun oder zu sein hatte. Ich wollte vielmehr alles sein können. Sieh nur, wohin es mich geführt hat.«

Erika erfährt in der Paartherapie, wiederum zu ihrer völligen Überraschung, Jan habe sich »immer von mir unterdrückt gefühlt, da ich konsequent meinen Willen durchgesetzt hätte.«
Außerdem ertappt sie sich selbst bei »primitiver Frauenverachtung«, wenn sie über Jans Wahl seiner neuen Partnerin nachdenkt, die sie als etwas »zutieft Verstörendes« empfindet. »Er wählte nicht nur jemanden, der für ihn leicht zugänglich war, nein, es verhielt sich tatsächlich so, dass er Maries Durchschnittlichkeit zutiefst begehrte«.

Auch den versöhnlichen Gedanken, dass beide Ehepartner über die Jahre »ihr Bestes« gegeben hätten, kann sie noch nicht zulassen. Genau das hätten sie eben nicht getan.
»Mit dem Wichtigsten waren wir zu nachlässig umgegangen. Mit der Liebe.«

Wencke Mühleisen, »Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?«, Roman, aus dem Norwegischen übersetzt von Ina Kronenberger, Nagel und Kimche, 192 Seiten. Erschienen am 24.2.2026.

Wencke Mühleisen, »Alles, wovor ich Angst habe, ist schon passiert«, Roman, aus dem Norwegischen übersetzt von Ina Kronenberger, Nagel und Kimche, 224 Seiten. Erschienen am 25.03.2025.

Viele kluge und zeitlose Gedanken zum Thema bietet auch Susan Sontags neu herausgegebener Essay »Zweierlei Maß: Altern ist nicht gleich Altern«, in:
Susan Sontag, »Über Frauen«, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Kathrin Razum, Hg. David Rieff (das ist übrigens Sontags Sohn), Fischer TB, 208 Seiten. Erschienen am 24.09.2025.


»Das Altern macht sich weit mehr als verinnerlichter gesellschaftlicher Maßstab denn als tatsächliche biologische Gegebenheit bemerkbar.«