»Am Ende der Kleinigkeiten« von Franziska Hauser als Emanzipation kindlicher Normalität –
»Immerhin war das Apfelmus von ihm«. Ob sie selbst auch von ihm ist, weiß Irma nicht so genau. Sie wächst in einer brandenburgischen Landkommune auf mit einer Mutter, die diese Information nicht für wichtig hält. So kommen einige als Väter in Frage – oder eben als Ersatzväter.
Auf Irmas Mutter ist nicht nur kein Verlass, sie ist durch ihre eigene im (DDR-)Heim verbrachte Kindheit so traumatisiert, dass sie die weitaus bösartigste Präsenz in Irmas Leben ist. Mal nennt Mutter sie »meine kleine Puppischnuppi«, dann sagt sie wieder »Du Scheißhausfliege!« zu Irma und dass sie »dankbar sein« solle »für ihre Strenge, denn niemand würde jemals so ehrlich zu mir sein und mir meine Unzulänglichkeiten so klar vor Augen führen«. Die Spuren der Diktatur in der Familie kennen wir im Westen auch. Und keineswegs subtiler.
Umgeben von gestörten, emotional unreifen Erwachsenen, die weder in der DDR noch im Kapitalismus funktionieren, ist Irma auf die Mobilisierung ihrer eigenen Kräfte angewiesen. Sie ist zwar vernachlässigt und ungeliebt, aber gerade durch die unverhältnismäßig schwere Arbeit auf dem Hof gewinnt sie an Selbstbewusstsein. »Wenn ich das große Holz durch meine Kraft splittern hörte, war ich stark und frei und konnte alle Probleme klein hacken.« Sie erkämpft sich Inseln der Freiheit und Ausbruchsversuche, muss sich aber notgedrungen auf ihrem Weg immer wieder »auf die Suche machen nach der nächsten Abhängigkeit«.
Irma wird, eher durch Zufall, Schauspielerin und man fragt sich, ob ihr das gelingt, weil sie ein Naturtalent ist, oder weil sie die entsprechenden Fähigkeiten in sich entwickeln musste. »Ich ließ mich beobachten und für verrückt halten und spielte sogar die Angst davor, für verrückt gehalten zu werden. Die ich nicht hatte. Ich kam aus einer Gemeinschaft, in der alle verrückt waren.«
Als der Erfolg sich einstellt, bekommt Irma im Theater Besuch. »Mit mir redete meine Mutter nicht, prahlte aber damit, dass sie meine Mutter sei, und benahm sich wie die Mutter des ganzen Ensembles. Ich stellte ihr Helene vor, und meine Mutter stand sogar auf, nahm Helenes Hände und hielt ihr einen Vortrag darüber, was für ein wertvoller Diamant ich sei, das Wichtigste in ihrem Leben, das Teuerste und das Einzige.« Mein Lesekommentar dazu neben der Markierung im E-Book: »Bitch!«
Die Geschichte von Irmas Befreiung ist großes Kino – oder eben Theater – für alle, die an die Resilienz von Kindern und die Durchsetzungskraft ihrer Talente glauben. Hausers drastische Sprache ist voller Bilder, die im Kopf bleiben. »Sie stand vor ihrem langen Arbeitstisch und war so dünn, dass die Sehnen an Hals und Handgelenken aussahen wie Kabel an einem Roboter.«
Irmas Einsichten und Antworten sind so klug, wie die Elterngeneration um sie herum nie sein wird. Auch, wenn sich deren Schicksal bei ihr zu wiederholen scheint, findet sie andere Umgangsformen damit. Bis hin zur Antwort auf die dümmste aller blöden Fragen, mit denen werdende Alleinerziehende sich hierzulande herumschlagen müssen. »Was ich meinem Kind bieten kann? Ein Leben!«
Franziska Hauser, »Am Ende der Kleinigkeiten«, Frankfurter Verlagsanstalt, 352 Seiten. Erscheint am 26.02.2026.


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