Warum ist das Wissen um gut erforschte Herrschaftstechniken hierzulande so wenig verbreitet? –

»… und außerdem wendest du gerade eine Herrschaftstechnik auf mich an«, sagt Jan zu seiner Noch-Ehefrau Erika in der Paartherapie. Über den Halbsatz aus Wencke Mühleisens »Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?« lesen Deutsche wahrscheinlich einfach hinweg, wohingegen Lesende in Norwegen sofort wissen, wovon die Rede ist.

Zu verdanken haben sie diesen Hintergrund zwei Standardwerken der norwegischen Sozialpsychologie, die unbegreiflicherweise nie ins Deutsche übersetzt wurden.

Politikerin und Sozialpsychologin Berit Ås, von 1973 bis 1977 Abgeordnete im norwegischen Parlament, verarbeitete ihre frustrierende Erfahrung männlicher Dominanz im politischen Betrieb, indem sie ihre Systematik der fünf »hersketekkniker« entwickelte, die bis heute in den nordischen Ländern allgemein anerkannt ist.

Diese, oft subtilen, Unterdrückungsmethoden, die in hierarchischen Systemen, insbesondere in der Kommunikation zwischen Frauen und Männern vorkommen, sind 1. Unsichtbar machen: Nicht-Beachtung von Redebeiträgen, nicht Grüßen, silent treatment, 2. Lächerlichmachen und Kompetenz in Zweifel ziehen, 3. Informationen zurückhalten, 4. Double bind : Zwickmühlen schaffen, die eine konstruktive Lösung unmöglich machen, 5. Schuld und Scham aufbürden, häufig durch öffentliche Bloßstellung.

Während diese Systematik seit langem ihren festen Platz in den Lehrplänen der nordischen Länder hat, werden deutsche Schüler seit vierzig Jahren mit Wolf Wondratschek (»Man kann nicht nicht kommunizieren«) und Friedemann Schulz von Thun (»Vier Seiten einer Nachricht«) gefüttert. Was in diesen Modellen gar nicht erst angesprochen wird, ist, wie Herrschaftsverhältnisse und Hierarchien durch Kommunikation erschaffen und gefestigt werden.

Dabei hat der norwegische Psychologe Ingjolf Nissen in seinem Hauptwerk »Psykopatenes diktatur« schon 1945 die Mechanismen benannt, die zum Aufstieg der NSDAP als Alleinherrscherin führte. Aber offenbar waren weder die Alliierten (die das Verlagswesen in der unmittelbaren Nachkriegszeit kontrollierten) noch die junge Bundesrepublik der Meinung, dass in Deutschland Erklärungsbedarf herrschte. Niemand wollte wohl so genau wissen, wie es sein kann, dass ein ganzes Volk einem Irren hinterher ins Verderben rennt. Und warum von den Instrumenten des Widerstands, von den verfassungsmäßigen Einschränkungen bis hin zur persönlichen Gewissensentscheidung und Attentatsversuchen nichts zu funktionieren schien.

Dass es beim Geschehen auf der politischen Weltbühne und dem Geschrei im Elternschlafzimmer um vergleichbare Herrschaftsmotive und -Methoden geht, leuchtet ein, denn jede noch so große Masse (der man nach dem Holocaust gerne eine eigene Persönlichkeit mit ganz eigenen Reaktionsmustern zuschrieb) besteht letztendlich aus handelnden Individuen. Gerade heute könnte die Individualpsychologie (z.B. nach Alfred Adler, auf den Nissen aufbaut) zur Erklärung politischer Verhältnisse taugen, weil die narzisstische Verzerrung des Individualismus und die damit einhergehenden Machtergreifungen langsam aber sicher zur Norm werden.

Wenn die Welt in diesen Tagen ihr Augenmerk auf die Vermittler in Drittländern richtet, lohnt es sich, auf der privaten Ebene auch die Therapeutenrolle kritisch unter die Lupe zu nehmen. Noch einmal Wencke Mühleisen zu dem Rat mancher Paarpsychologen, Seitensprünge »aus Rücksicht auf die Gefühle« der Betrogenen gar nicht erst zu beichten.
»Was empfahlen manche Beziehungsexperten da eigentlich? Dass einer der beiden Erwachsenen in einer nahezu gleichberechtigten Beziehung entscheiden soll, welches Wissen dem anderen hilft, was ihm schadet und was nicht? War das nicht eine fundamentale Entmündigung? Diese Autorität, wesentliches Wissen zurückzuhalten, steht normalerweise nur Eltern kleiner Kinder oder Psychiatern zu, wenn sie entscheiden müssen, was ihren Patienten nützt oder schadet, und selbst diese beiden Beispiele sind diskussionswürdig, oder? Die Lüge ist der engste Verbündete der Macht, das war schon immer so. Wer lügt, übt Macht aus und setzt sich durch.«

Aber vielleicht will auch das niemand so genau wissen. Vielleicht ist die Einsicht, dass die intimsten Bereiche unseres Lebens, wie Ehe und Familie, durchdrungen sind von ökonomischen und machtpolitischen Strukturen, zu unangenehm. Gerade in Deutschland, dem Heimatland der biedermeierschen Liebesehe und Schillers idealisierter Weiblichkeit, die „das ewige Feuer schöner Gefühle” bewahrt. Zu wissen, dass nicht die Liebe, sondern die Trends eines verbreiteten Lebensstils der industrialisierten Welt unsere Beziehungen formen, schmerzt heute vielleicht sogar noch mehr, wo sich die Populärkultur (nicht zuletzt das Phänomen new Adult/Romance, das den Buchmarkt so unverhofft belebt hat) auf den Rückzug ins Private stürzt, ganz so, als ob dies eine herrschaftsfreie Zone wäre.

Dem ist nicht so. Als Erika mit den Einzelheiten von Jans Untreue konfrontiert wird und erwartbar eifersüchtig reagiert, meldet Jan, erst subtil, dann offen gegenüber dem Paartherapeuten, Zweifel an ihrem Geisteszustand an. »[…] und jetzt saß er da und spielte eine Herrschaftstechnik aus, die Männer seit Jahrhunderten gegen Frauen anwenden, die die Wahrheit sagen und denen sie den Mund verbieten wollen: indem sie diese Frauen für verrückt, wahnsinnig, hysterisch und selbstmordgefährdet erklären.«

Auf weltpolitischer Ebene erleben wir zur Zeit die Verunglimpfung von Millionen besorgter US-Amerikaner, die mit „no kings” – Kundgebungen versuchen, ihr Land aus der nationalen Geiselhaft eines verrücktgewordenen Herrschers zu befreien, als „linksextreme Gewaltbereite”.

Wenn sich das Machtgleichgewicht, egal, ob in der Politik, am Arbeitsplatz oder am Küchentisch, einmal verschoben hat, werden Herrschaftstechniken zum zweiten Mal auf die Leidtragenden angewandt. Diesmal, um das Ungleichgewicht nachträglich zu legitimieren und das Opfer zu beschuldigen und zu beschämen (»Du bist verrückt, zu empfindlich« o.ä.). So werden die neuen Machtverhältnisse zementiert. Doppelt bestraft hält besser.

Die Erkenntnisse von Berit Ås und Ingjolf Nissen sind in den skandinavischen Gesellschaften als Allgemeinbildung verankert. Nicht so in Deutschland, wo ihre Werke nie übersetzt wurden. Womöglich ist deshalb hierzulande das ständige Recyclen dieser subtilen manipulativen Methoden am Arbeitsplatz und in Beziehungen leichter als dort.

In den Klassikern der frühen Sozialpsychologie des vergangenen Jahrhunderts kann man alle Erklärmuster von Machtergreifung schon nachlesen. Neue Technologien und KI hin oder her, die Abläufe bleiben dieselben und sind hinlänglich bekannt. Warum also suhlen sich dann auch gebildete Journalisten in Formulierungen vorgeschobenen Unwissens? »Schockierend« und »abscheulich«, heißt es in den Diskussionen um pornografische Deep-Fakes«. Das sei eine »völlig neue Qualität der Gewalt« liest man da, was in Deutschland mit seiner sehr speziellen Gewalt-Geschichte manchmal unfreiwillig komisch klingt. Gar nichts davon ist neu, sondern altes Leid in neuen (Endlos-) Schleifen.

Vielleicht würde sich eine Übersetzung von Ingjolf Nissens »Diktatur der Psychopathen« und Berit Ås’ »Handbuch zur Befreiung« lohnen. Im Juli begehen die USA ihren 250. Geburtstag. In einer Zeit, in der sie von einem Egomanen regiert werden, der die dienstälteste Demokratie der Welt vor sich her treibt, müssen fast 350 Millionen Untertanen zusehen, wie von den Instrumenten, die ihre Verfassung für diesen Fall vorsieht, keines zu funktionieren scheint.


Die erwähnten Werke:
Wencke Mühleisen, »Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?«, Roman, aus dem Norwegischen übersetzt von Ina Kronenberger, Nagel und Kimche, 192 Seiten. Erschienen am 24.2.2026.
Friedrich Schiller, »Würde der Frauen« (1800)
Ingjolf Nissen, »Psykopatenes diktatur« (1945)
Berit Ås, »Kvinner i alla land … håndbok i frigöring« (1981)