»In der DDR war die Frau ein gleichberechtigtes Mitglied der sozialistischen Gesellschaft, unverzichtbar war sie, und deshalb wurde sie auch am achten März geehrt. Nie war die Frau so glücklich wie am achten März, wo sie gerührt den Strauß rosa Nelken und die Schachtel Berggold Weinbrandbohnen von ihrem Mann und den Kindern entgegennahm«.

Natürlich erst, nachdem sie den Rest des Jahres mit der Zubereitung von Kartoffelsalat, Geschirrwaschen und Bodenwischen das kollektive Wohlbefinden gestärkt hat. War und ist im Westen nicht anders.

In Baden-Württemberg dreht sich heute alles um die Landtagswahl. Niemand, schon gar nicht die Frauen, wird daran denken, die Mama-Taxis, die auch heute, wie jeden Sonntag, ihre Kinder zu Auswärtsspielen durchs Ländle chauffieren, mit rosa Nelken zu schmücken oder in Basketballhallen, in denen engagierte Muttis mit Selbstgebackenem und Trommeln für Stimmung sorgen, auf die Idee kommen, ihnen auch ein Stück Kuchen anzubieten.

In der ländlichen oberschwäbischen Region, in der ich siebzehn Jahre lang unterrichtete, kursierte immer noch ein Bauernspruch aus der vormotorisierten Landwirtschaft: „Wenn’s Weib verreggd, sei’s drum. Aber der Gaul darf nid sterbe.” Also, so ähnlich.

Auch Seddig bringt nach ihrem launigen Einstieg in »Gedanken zu Frauen« eine Erinnerung aus ihrem Pflichtjahr in der LPG (Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft) „Frohe Zukunft”, in der es »drei Kategorien von Menschen« gab, »die Leute im Büro, […] die Männer, die auf dem Maschinenhof rumhingen, und […] die Frauen, die auf dem Feld arbeiteten.«

In der Mittagspause wird von den Frauen verlangt, dass sie den Männern das Essen austeilen, wo sie in der Enge der Küche von diesen ausgiebig begrapscht und mit sexistischen Beleidigungen überzogen werden.

Die Ich-Erzählerin weigert sich fortan, sich dieser Tortur auszusetzen, wird von ihrem autoritären Chef entsprechend bedroht, aber letztlich respektiert. Ihre Kollegin traut sich das nicht und entscheidet sich, weiter zu leiden. »Einer muss es doch machen«. »Das weibliche Talent zur Selbstaufgabe«, erkennt Seddig, »was so gern mit Versen und Blumen bedacht wird, ist einer der größten Feinde der Frau.

Und letztendlich auch der Männer, denn ein System verschont niemanden. Seddigs LPG-Episode erinnert daran, dass es in unserem Leben, ob Frau oder Mann, nur einige wenige Momente gibt, in denen wir unsere Freiheit zu fassen imstande sind. Der Rest ist Abhängigkeit.

Katrin Seddig, »Gedanken zu Turnhallen. Schriftliches«, Literatur Quickie Verlag Hamburg, 184 Seiten. Erschienen am 28.02.2026.

Katrin Seddig ist auf der Leipziger Buchmesse! Donnerstag, 19.03.2026 von 13.00-13.30 Uhr, Forum Die Unabhängigen (Halle 5, H313) und Freitag, 20.03.2026 um 20 Uhr mit der Lesung »Von Haaren, Hasen und dem Herbst« in „Lottas Kaufladen”, Erich-Köhn-Strasse 68. Tel. 01573-1374128.