Marie Aubert über Gutgemeintes, Gesellschaftsnormen und das anstrengende Navigieren in die eigene Freiheit –
Hanne kehrt zur Konfirmation ihrer Nichte Linnea für ein Wochenende an die Stätte ihrer Kindheit in der norwegischen Provinz zurück. Sie, die früher stark übergewichtig war, reist schlank und mit neuer, attraktiver Partnerin an. Im Verlauf der Vorbereitungen auf das Fest erkennt sie, dass in ihrer Familie Kommunikation nicht gelingen will und alle eine Rolle zu spielen scheinen.
Ein durchgehendes Motiv ist die Fehlinterpretation des Lebens. Hannes Vater konnte die Frauen seiner Familie noch nie wirklich verstehen und hat diese Haltung an Hannes Bruder Bård weitergegeben. Der wiederum schätzt seine Möglichkeiten, aus der unglücklichen Ehe mit Linneas Mutter zu fliehen, falsch ein. Hanne selbst wird von der Vergangenheit brutaler eingeholt, als sie es vorausgesehen hatte und ihre Partnerin ist völlig verblüfft, als sie angeschrien wird: »‚Aber du wärst nicht hier, wenn ich nicht dünn geworden wäre. […] Als würde ich erst jetzt allen passen’, sage ich. ‚Wie toll, dass du nicht mehr fett bist, hurra.’« .
Aubert verknüpft das Gesprächselend in ihrer Familie mit dem Zustand der Gesellschaft: »Alle in Norwegen schauten zur selben Zeit dieselben Fernsehsendungen […] Später habe ich verstanden, wie sehr uns das einte […] ich weiß gar nicht, worüber sie heute in der Mittagspause sprechen. Wir sind zu viel allein, sage ich immer, wir haben alles vergessen, was uns verbindet.«
Die Frauen in Hannes Familie sind sehr wohl verbunden durch bedrückende Übereinstimmungen von einer Generation zur nächsten. Body-Shaming, Mobbing und die lebenslangen Folgen setzen sich mit Linnea fort, die sich im Vorfeld ihres großen Tages von Social Media Clips inspirieren (will heißen verunsichern) lässt.
Das Familienfest verlangt Hanne viel ab. »Ich bin erschöpft, wenn ich den ganzen Tag mit Leuten geredet, sie angelächelt und unterhalten habe«. Das beste daran sei, wieder nach Hause zu kommen, sich alleine zu erholen und zu »wissen, dass ich heute Abend nicht mehr rausmuss.«
Marie Aubert, »Eigentlich bin ich nicht so«, Roman, aus dem Norwegischen übersetzt von Ursel Allenstein und Stefan Pluschkat, Rowohlt Hundert Augen, 208 Seiten. Erschienen am 13.08. 2024.
Norwegen kommt wieder auf der Leipziger Buchmesse! Nach dem fulminanten Gastlandauftritt im vergangenen Jahr, reist die NORLA-Delegation dieses Jahr mit 13 Autorinnen an, darunter Trude Teige und Erika Fatland. Stand Norwegian Literature Abroad, H4/304



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