Nadine Schneider über vier Generationen Frauenarbeit zwischen Rumänien und Deutschland –
In einem Beitrag über Kristine Bilkau und den Preis der Leipziger Buchmesse 2025, habe ich die Mutter-Tochter-Beziehung eines der komplexesten Systeme genannt, das die Natur hervorgebracht hat. In »Das gute Leben« gibt es gleich einen ganzen Beziehungsteppich von der Urgroßmutter bis zur Urenkelin, der zwischen Rumänien, Deutschland und den USA aufgespannt ist.
Als geografische Größe sei „Heimat” für sie eher mit Unbehagen besetzt, sagt Nadine Schneider im Interview. Ein soziales Netz tauge da schon eher als Zuhause. Deshalb fühle sie auch den Drang, sich als Autorin immer wieder mit dem Banat zu beschäftigen. Oft widerwillig.
»Ich will nicht hier sein.« lautet dann auch der erste Satz des Romans. Siebzehn Stunden hin, siebzehn zurück. So lange dauert die Busfahrt, die Anni zweimal im Jahr auf sich nimmt, um ihre Mutter in Temeswar (Timișoara) zu besuchen. Und dazwischen entweder 40 Grad im Sommer oder minus 10 im Winter.
Enkelin Christina, die Ich-Erzählerin, muss Anni auf diese Reisen begleiten, seit Helene, ihre Mutter, sich in die USA abgesetzt und sie bei der Großmutter gelassen hat. Drei Generationen Auswanderinnen, die sich auf unterschiedliche Weise bemühen, die Fäden der Vergangenheit zusammenzuhalten oder zu durchtrennen.
Die Geschichte der Rumäniendeutschen sei eng mit dem donauschwäbischen Glauben an die „deutschen Tugenden” verknüpft und dem Narrativ der Leistungsgesellschaft, sagt Nadine Schneider bei der Eröffnungs-Pressekonferenz der diesjährigen Buchmesse in Leipzig. Gedankt worden sei den Rumäniendeutschen für ihren Anteil am post-Wirtschaftswunder der BRD kaum.
Anni, die einst ihre Mutter und Rumänien als Schwangere hinter sich gelassen hat, arbeitet 35 Jahre lang als Verpackerin im Quelle-Versandzentrum in Nürnberg. Die Arbeit gibt ihr Halt und Selbstbewusstsein, eine einzige gute Freundin, Kati, und zumindest manchmal das Gefühl, angekommen zu sein. Umso härter trifft es sie, als sie zwei Jahre vor der Rente entlassen wird.
»So wie die anderen vor ihr wollte sie Sekt trinken, ein Geschenk und eine Karte und Umarmungen entgegennehmen, eine Urkunde von der Quelle kriegen. Stattdessen kriegt sie jetzt einen Arschtritt. Personalabbau.«
Dabei musste Anni einen hohen Preis zahlen, um »es« zu schaffen. Die Ich-Erzählerin, bekommt beim Blick auf alte Fotos den Eindruck, dass ihre Großmutter die Selbstverständlichkeit ihrer Persönlichkeit in Rumänien gelassen hat. Und die Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Sprache.
»Auf den Bildern, die in Rumänien entstanden waren, sah sie nie so aus wie jemand, der fotografiert wird.[…] Vermutlich ist auch ihre erhobene Stimme im alten Leben immer noch nicht mehr als eine etwas deutlicher artikulierte Bitte gewesen, die Bitte um Gehör. Aber hier, im neuen Leben, hat sie den Eindruck, dass sie schon aus ganzer Seele schreien müsste«.

»Auf den anderen Fotos hingegen, den in Deutschland aufgenommenen, lacht sie, sie schaut in die Kamera, sie weiß, sie wird fotografiert, und sie sieht gut aus, ihr Blick ist da, wo er sein soll, im Hier und Jetzt, in dem Moment, als sie fotografiert wird.«
Nadine Schneiders große stilistische Leistung ist ihre Bildsprache, die sich, wie die Motive der rumänischen Fotografien, ihrer selbst nicht bewusst zu sein scheint, so selbstverständlich fügt sie sich in den Erzähltext, so unaufdringlich illustriert sie Annis Charakter und koloriert ein Arbeiterinnenleben. Ich kann nicht genug davon bekommen.
»Anni schleift den Koffer über den Boden, weg vom Zug, aus dem die Menschen fallen wie Maiskörner aus dem Loch eines Futtersacks, so schnell kann man nicht schauen, und Anni ist im Weg, Anni muss Platz machen«.
In dem Leben, das auf Anni wartet, als sie in Nürnberg aussteigt und die ersten Jahre mit Kind in der kleinen Wohnung ihres Bruders ausharren muss, dreht sich alles um Anpassung.
»Anni wird still in Deutschland. Anni wird eine Frau, die, wenn sich jemand in einer Schlange vor sie drängt, wütend schaut und so lange um Worte ringt, bis es zu spät ist. Anni wird eine Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, weil ihr alles andere zu kompliziert erscheint.«
Hand in Hand damit geht das Nebenprodukt der selbstauferlegten Unterordnung, die auch im Alter noch nachwirkt. »[…] ihre schlimme Angewohnheit, den Leuten, die ihr nahestehen, alles, was ihr einfällt, ins Gesicht zu sagen, ihre schlimme Angewohnheit, nur die Leute zu schonen, die ihr eigentlich gestohlen bleiben könnten«.
Die neue harte Sprache bleibt nicht ohne Folgen für die zweite und dritte Generation. Mit einer Roheit, die sie selbst nicht verstehen, begegnen sich Annis Tochter Helene und ihre eigene Tochter.
»Wir könnten ja einmal gnädig miteinander sein, wir könnten einander nur dieses eine Mal schonen, aber wir stehen unter dem grausamen Licht der Deckenleuchten wie zwei Vogelscheuchen auf einem sturmgepeitschten Feld, und es interessiert uns nicht, ob der Wind der jeweils anderen gerade einen Arm abreißt oder den Kopf fortweht.«
Was die Ich-Erzählerin erst im Nachhinein erfährt, ist, dass Anni unter heftigem Heimweh leidet und sogar daran denkt, nach Rumänien zurückzukehren. Aber stattdessen steckt sie diese Energie in ihre Arbeit, verehrt Grete Schickedanz und macht Quelle zu ihrer erweiterten Familie.
»Sie will den Weg zum Personaleingang nehmen, hineingehen und die vertraute Luft in den Gängen riechen, in den Hallen, diese immer ein wenig verbrauchte Luft, den Geruch nach Metall und Pappkartons, den Geruch nach Menschen. Auch ihren Geruch muss es hier geben, nach fünfunddreißig Jahren muss doch in dem Gemisch aus Gerüchen auch etwas von ihr hier sein, ein Spritzer aus dem blauen Parfümflakon, ein Tropfen Schweiß von ihrer Oberlippe,«
Beim letzten Besuch in Annis Haus, in dem auch sie großgeworden ist, kann sich Christina nicht entschließen, auszuräumen. Alles dort erinnert an Annis Traum von einem Platz im besseren Leben.
»Am Grund der Regentonne schimmert ein bleicher Fleck, eine ertrunkene Maus. Hell hebt sie sich vor dem Tannengrün der Tonne ab und ist in einer seltsamen Position, aufrecht und die Pfoten von sich gestreckt, bis nach unten gesunken. Sie sieht aus, als hätte sie an einem unsichtbaren Tisch Platz genommen.«
Anni würde diese Eindrücke von Vergänglichkeit von sich weisen und stattdessen auf dem beharren, was sie erreicht hat in ihrem Leben für die Quelle.
»und schau, was ich jetzt habe, pflegte sie zu sagen, ein Haus und einen Garten, einfach war’s ja nicht gerade, aber das hab ich jetzt, und das nimmt mir keiner mehr weg.«
Nadine Schneider, »Das gute Leben«, Roman, S.Fischer, 304 Seiten. Erschienen am 25.02.2026.


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