»Meine Mutter war für mich eine Lichtgestalt, und der einzige Fehler, den sie zu haben schien, war ich –«
Ich-Erzähler Eli, 60, Filmregisseur in der Schaffenskrise und alleinlebend im großbürgerlichen Haus seiner Großeltern in Rom, erinnert sich auf der Couch seiner Dottoressa an sein Leben.

Es beginnt mit der Flucht seiner Vorfahren vor der russischen Revolution auf einem Dampfer von Odessa nach Konstantinopel. Eine geheimnisvolle Tante, Vera, verschwindet auf der Reise und Eli wird später seine Tochter nach ihr benennen. Er selbst hat seinen Vater, Veras kleinen Bruder, nie kennengelernt. Er war eine Zufallsbekanntschaft seiner umso präsenteren Mutter, der rebellischen, lebenslustigen Francesca, am bulgarischen »Goldstrand«.

Wie in jeder Psychoanalyse ist viel von dieser Mutter die Rede, die immer noch alleine in ihrer Wohnung in Rom ausharrt, obwohl die Hausverwaltung ihr schon gekündigt hat. Ihre Vitalität und Unbekümmertheit steht in Kontrast zu Elis schwindenden Lebenskräften. Bei manchen Menschen, findet er, scheine es unpassend, dass sie, wie alle anderen, alt und kränklich würden und »am Ende sogar sterben«. Seine Mutter sei so jemand.

Elis Frau Jenny hat ihn schon lange zusammen mit der Tochter in Richtung Deutschland verlassen und Vera gibt ausgerechnet Führungen für italienische Touristen in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen.

Mir gefällt es, wie Katerina Poladjan, Anspielungen im Text verteilt und für die Lesenden Leerstellen zum Denken lässt. Endlich mal eine Autorin, die nicht alles ausbuchstabieren muss.

Außerdem sind manche Parallelen zur europäischen Situation wirklich witzig. Wir, das sind die pummeligen Putten in der Kirche Sant’ Andrea al Quirinale, die von ihrer Wolke zu kippen drohen.
»Trotz ihrer dramatischen Lage schienen sie Spaß zu haben, und vielleicht verlassen sie sich dabei zu sehr auf ihre Flügel, die viel zu kurz sind, um ihre rundlichen Körper bei einem Sturz in der Luft zu halten.«

Katerina Poladjan, »Goldstrand«, Roman, S.Fischer, 160 Seiten. Erschienen am 27.08.2025.