Von wegen »Quiet Passion«!
Biopics sind ja so eine Sache. Besonders, wenn es um (posthum) berühmte Künstlerinnen geht, die zu ihrer Zeit missachtet und abgelehnt wurden. Wie ich schon bei dem Film über Tove Jansson (2023) beobachtet habe, sagen diese Biografien meist mehr über ihre Macher und die Zeit, in der wir leben, als über den außergewöhnlichen Charakter und den zeitlosen Stellenwert der Porträtierten.
»A Quiet Passion« heißt der brave Kostümfilm von 2016, der vom Leben und Schreiben der ersten modernen Dichterin der USA handelt: Emily Dickinson aus Amherst, Massachusetts (1830–1886). Er zeigt nicht ihre wegweisende Bedeutung für die moderne Lyrik. Der größte Teil der zur Verfügung stehenden Sendezeit charakterisiert Dickinson hauptsächlich als Frau. Eine Frau, die zwar auch schreibt (nachts), tagsüber aber hysterisch ist, schmollt, weint, zetert, stickt, Freundinnen die Haare oder auch mal Musik macht, über die Liebe klagt und so weiter. Man hat das Gefühl, Dickinsons Leben sei ein einziger verlängerter Internatsaufenthalt gewesen, an dessen Ende eine tödliche Nierenkrankheit stand. Natürlich müssen die Biografen berücksichtigen, dass sie – zu ihrem Leidwesen – eine Frau ihrer Zeit und ihrer Klasse war, aber warum muss die Würdigung ihres Werkes nach 150 Jahren ähnlich altväterlich daherkommen wie zu Dickinsons eigener Zeit?

Einer Zeit, in der die männlichen Ostküsten-Kollegen wie Superstar Henry Wadsworth Longfellow (1807–1882) mit kitschig-patriotischen Reimen in den Dichter-Pantheon der USA durchmarschierten und von den Tea-Ladies in Boston auswendig gelernt wurden. Verse wie »The Soul has Bandaged Moments« oder »I felt a Funeral, in my Brain« passten nicht in diese Zirkel. Von 1860–1865 war schließlich Bürgerkrieg, und da liest oder gar schreibt man doch keine „zersetzende Poesie“, sondern hält sich an „Erbauliches“.
Weil Emily aber aus einer einflussreichen Politikerfamilie kommt, wird sie sogar veröffentlicht – und von einflussreichen Kritikern mitunter verhöhnt. Nicht nur damit hadert sie, sondern mit Gott selbst und den Doppelstandards des Neuengland-Puritanismus, der sie von der Geburt über die Schulzeit bis zur zurückgezogenen Existenz als Unverheiratete im Elternhaus fest umschlungen hält. »He fumbles at your Soul as Players at the keys«, dichtet sie, und mal liest sie sich ironisch, spielerisch, dann wieder voller Bitterkeit und disruptiv.

Während die Fachwelt noch darüber diskutiert, ob Dickinson schizophren oder bipolar war oder einfach nur eine Sozialphobie hatte, stempelt die ARD schon mal ihr öffentlich-rechtliches 08/15-Urteil auf das Werk »der herausragenden Poetin, die mit einem außerordentlichen Intellekt, aber einer labilen Psyche ausgestattet war«. Labile Psyche geht doch bei Lyriker:innen eigentlich immer, hat sich die Redaktion dabei wohl gedacht.
Dickinson hätte den oberflächlichen ARD-Teaser wohl als Bestätigung empfunden, dass sie damals schon alles richtig gemacht hat. Nämlich der Welt, insbesondere der Amherster Gesellschaft (und erst recht den Bostoner Kulturkreisen), die kalte Schulter zu zeigen und Konversation – auch mit den Fans ihrer Dichtkunst – höchstens durch die geschlossene Zimmertür zu betreiben. So abgeschirmt und für verrückt gehalten konnte sie 1.800 Gedichte in einem kurzen Leben schreiben und zur größten US-amerikanischen Dichterin aller Zeiten werden. »Much Madness is divinest sense«. In your face, ihr Longfellows!
»A Quiet Passion«, Drama, UK, Terence Davies, Sept. 2016, 2h 5 min. Abrufbar (auch in Originalversion, was sich lohnt wegen der vielen bekannten Zitate) bis 1.6.2026, 20 Uhr in der ARD-Mediathek.



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