Daniela Dröscher und ihre »Versöhnung mit dem Sprechen« –

»Mit zu den intimsten Zuständen gegenseitigen Verstehens gehört es verrückterweise, miteinander zu schweigen.« Das gilt für allerdings nur für Fortgeschrittene, für der Sprache Mächtigen. Zu Beginn der kindlichen Entwicklung kann Schweigen in der Familie durchaus bedrohlich wirken. »Ein verletzt oder beleidigt oder hilflos schweigendes Elternteil hingegen öffnet für das fantasievolle kindliche Gemüt sämtliche Höllentore.«

So gehört Sprechen/Nicht-Sprechen von Anfang an zu den prägendsten Erfahrungen des Menschseins überhaupt und überall lauert das Missverständnis. Sprache ist nie harmlos und das eigene Idiom zu verändern, der Situation anzupassen, ist ein Kraftakt. »Wir tauschten unsere Sprache der Intimität, das Hochdeutsche, gegen eine zumindest von meiner Mutter keineswegs akzentfrei imitierte Mundart. Wie mächtig muss der Zwang zur Anpassung gewesen sein.«

Dröschers Mutter, die sich hier auf die beschriebene Weise der Umgebung (vertreten durch den dominanten Vater) sprachlich unterordnet (und das ausgerechnet für den Pfälzer Dialekt!), ist vielen Lesenden aus »Lügen über meine Mutter« (2022) bekannt. Ihrem Bildungsgrad und der Herzensverbindung zu ihrer Tochter, verdankt Dröscher laut eigener Aussage nicht nur das Hochdeutsche, sondern ihre universitäre Bildung und letztlich das Schriftstellerinnentum.

Bis es soweit ist, muss sie einen langen Weg bewältigen, der in »Sprechen« nachempfunden werden kann. Dröscher erkennt im Nachhinein die Impulse, die ihre Fähigkeit, sich schriftlich und (schwieriger!) mündlich auszudrücken vorangebracht haben und wir können uns auch darin erkennen. So haben die meisten von uns Autor:innen kennengelernt, die sie begeisterten und begleiteten. Bei Dröscher steht Yōko Tawada auf der Leseliste und löst einen wichtigen Entwicklungsschritt aus.
»Durch Tawada entdeckte ich den Zauber der ersten Person. Das ›Ich‹ wurde zu meinem verlässlichen Ankerpunkt, gleichsam zum Medium meines Denkens — und das zu einer Zeit, in der es undenkbar gewesen wäre, in einer literaturwissenschaftlichen Hausarbeit ›ich‹ zu sagen.« Klingt vertraut?

Der nächste wichtige Gamechanger, mit dem sich viele Leser:innen identifizieren dürften, ist ein Auslandsaufenthalt. »Der Wechsel in eine fremde Sprache löste mir in akademischen Kontexten endlich die Zunge.« Das Englische eröffnet ihr die Möglichkeit, »eine andere sein zu dürfen als die, die ich war« Sie beginnt, befreiter zu sprechen und »Von diesem Moment an lebte ich ungleich beherzter.«

Als sie ihr Memoir »Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft« veröffentlicht, ist sie – schriftlich wie mündlich – zum Sprachprofi geworden. Dröscher findet dabei einen interessanten Zusammenhang zwischen dem Versuch, das Ego zumindest zweitweise hinter sich zu lassen, und der Art, sich auszudrücken. »Paradoxerweise klappt es erst besser, seit ich ›ich‹ sage.«

Dann klappt es nämlich auch mit dem »du« und heute bringen ihr Leseabende nicht nur Spaß am Menscheln, sondern auch literarischen Gewinn. »Erst durch das Gespräch mit Leser:innen vollendet sich ein Text.«

Daniela Dröscher, »Sprechen«, Hanser Berlin, 112 Seiten. Erschienen am 20.04.2026.