»Menschen hinterlassen mehr als Erinnerungen, sie hinterlassen Schwarze Löcher, die dich gnadenlos anziehen und in den Abgrund reißen, wenn du ihnen zu nahe kommst. Wenn jemand geht, fehlt nicht nur die Person, sondern auch ein Stück von jedem, der bleibt.«
Jasmin Schreibers neuer Roman »Da, wo ich dich sehen kann« ist ihre Reaktion auf den Mord an einer Hamburger Nachbarin.
Die neunjährige Maja wird aus ihrer Kindheit gerissen, als sie ihre leblose Mutter Emma auf dem Küchenfußboden findet und die Polizei anrufen muss. Für den Mord, den ihr Vater Frank begangen hat, gibt sie sich in kindlicher Allmachtslogik selbst die Schuld, weil sie ihren Vater bevorzugt und das ihrer Mutter auch gesagt hat.
Maja beginnt, sich selbst zu verletzen und zwischen bürokratischen und therapeutischen Verfahren aufgerieben zu werden. So wie alle, die zurückgeblieben sind. Auch Liv, Emmas beste Freundin aus Kindertagen, Astrophysikerin und Majas Patentante, die zwischen der Zuneigung zu Maja, Bemühen und Überforderung schwankt.
Schreibers Erzähltechnik verschiebt den Fokus kapitelweise zu den beteiligten Personen, auch der verstorbenen Emma, die mit den Jahren durchaus erkennt, das sie einem krankhaften Narzissten und seinem Gaslighting aufgesessen ist.
»Es hatte wirklich lange gedauert, bis sie merkte, dass sie nicht vergesslich wurde, sondern dass er Dinge in der Wohnung umstellte und versteckte.«
Als auch Maja spürt, dass etwas nicht stimmt, schafft es Frank geschickt, sie zu beeinflussen.
»Die […] hat mal wieder nicht aufgepasst und ist gegen den Türrahmen gelaufen.«
»Hat sie sich wehgetan?«
»Ein bisschen. Nix Schlimmes, keine Sorge, Engelchen. Aber da ist sie mal wieder selber schuld, denn sie passt ja nicht gut auf. Du weißt ja, wie die Mama ist. So ein Schussel! Sie ist da ganz anders als du, du passt ja immer sehr gut auf, oder?«
Dokumente, wie die Notruf-Protokolle oder der Briefwechsel zum Sorgerechts-Gerangel um Maja zwischen den Großeltern-Paaren, werden, durchs Schriftbild abgesetzt, mit dem Erzähltext verschränkt. Schreiber bleibt nicht nur im Privaten, sondern seziert den Zustand unseres Gemeinwesens gleich mit. Der wird u.a. deutlich an der Polizeisprache.
»Der Begriff Beziehungsdrama taucht dabei immer wieder auf, familiäre Tragödie – Begriffe, die harmlos klingen, privat klingen. Die sagen: Hat nichts mit dir zu tun, hat nichts mit irgendwas zu tun, gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts zu sehen! […] Je länger sie darüber nachdenkt, desto klarer wird ihr, dass es sich vielleicht gar nicht um ein Nebeneinander einzelner, zufälliger Ereignisse handelt, sondern um ein strukturelles Muster, das systematisch verharmlost wird.«
Emmas Leidensgeschichte wird außerdem verknüpft mit eigenen Kindheitsverletzungen von Liv, die darunter gelitten hat, dass ihr Bruder in der Familie anders wahrgenommen worden ist.
»Wo Ben klug ist, ist Liv besserwisserisch, wo er selbstbewusst ist, ist sie arrogant, und wo er still und nachdenklich wirkt, ist sie einfach nur sozial unfähig – jemand, der sein Leben lang allein bleibt und der Mutter auf der Tasche liegt, weil kein Mann so eine neunmalkluge und spröde Frau haben will.«
Bei einer längst fälligen Aussprache bedauert Livs Mutter, dass sie »trotz besseren Wissens immer so gedrängt habe, dass du auch einen Mann findest, aber […] letztlich kriechen die Worte der eigenen Eltern doch immer ins Gehirn und verseuchen einen.«
Aber selbst bei dieser Gelegenheit kann sich Livs Mutter nicht aus ihrem narzisstischen Denk-Gefängnis befreien, aus dem Bedürfnis, die Tochter als Spiegel ihrer selbst zu nutzen:
»Ich [… ] suche mich in dir und finde mich nicht.[…] Manchmal glaube ich, du bist das, was von mir hätte übrig bleiben sollen.«
Mit Blick auf meinen Beitrag von vorgestern zu Christien Brinkgreves »Versuch, meine Liebe zu ordnen« verdichtet sich mein Verdacht, dass diejenigen Töchter, die sich mit Händen und Füßen gegen ein Leben wie das ihrer Mütter wehren, sich später in genau dem Alltag wiederfinden, den ihre Mütter selbst gerne gehabt hätten. Bleibt die Frage, ob das dann wirklich schon das eigene Leben ist.
Neben der engen Verbindung zwischen Liv und Maja und dem gemeinsamen Blick in die Sterne, ist es ausgerechnet Ben, Livs Bruder, der ihr einen entscheidenden Hoffnungsimpuls für den Trauerprozess gibt.
»Statt Verdrängung gibt es jetzt Konfrontation, und Liv hat festgestellt, dass das wirklich alles besser macht.«
Jasmin Schreiber, »Da, wo ich dich sehen kann«, Roman, Eichborn, 432 Seiten. Erschienen am 31.10.2025.


Schreibe einen Kommentar