Sogar nach vierzig Jahren kann Tanja Eg in ihren Körperzellen verorten – auch wenn lediglich von ihm in einer Zeitungsmeldung die Rede ist. „Meine Arme fühlen sich seltsam an, als würde kaltes Wasser hindurchrieseln. »Das ist gut«, sage ich. »Endlich ist er tot«.”

Sie redet mit ihrer mittlerweile dementen Mutter, die nicht mehr sprechen, sondern sich nur noch mit Blicken verständigen kann. Aber auch als Tanja noch ein Teenager ist und eine Beziehung zu Eg beginnt, dem dreißig Jahre älteren Freund der Familie, sagt ihre Mutter viel zu wenig. Ihr Kommentar zu der ungewöhnlich sprudelnden Korrespondenz der vierzehnjährigen Tochter mit dem bekannten Dichter lautet: »Briefmarken sind teuer, Tanja«.

Als die Ich-Erzählerin ihr Leben Jahrzehnte später unter die Lupe nimmt, kommt nicht nur der Missbrauch auf den Tisch, die jahrelange Manipulation und die schmerzhafte Entjungferung. Sondern auch das Zuschauen und Schweigen der Umgebung. »Diejenigen, die sagen, es sei eine andere Zeit gewesen, müssen wissen, wovon sie sprechen. Sie waren dabei.«

Tanja ist ein Nachzügler und ihre Mutter nennt sie zwar gerne „Tanjamaus”, aber nur auf den Zetteln, die in der Küche liegen, wenn sie aus der Schule kommt. Im Mittelpunkt der kleinen Familie steht der Vater, bildender Künstler mit wechselndem Erfolg und versiegender Produktivität. » […] immer drehte sich alles um ihn; seine Kunst, seine Ideen, seine Krankheit, seine Launen, sein alles.«

Viele Jahre nach der Trennung von Eg sucht Tanja eine Psychotherapeutin auf und versucht, in Worte zu fassen, was ihr fehlt.
»Ich bin an der Stelle, wo die Erzählung zerbricht. In meinem Haus gibt es keine tragenden Wände. Ich bin ein Verbrechen, das durch die Gegend irrt und nach seinem Tatort sucht.«
Die Therapie, inklusive Psychopharmaka, stellt sich als weitgehend ineffizient heraus. Aber es gibt etwas anderes, das hilft: »Währenddessen bedeutet Schreiben das Gegenteil von Angst.«

Das Schreiben ist jedoch auch eng mit dem Dichter in ihrem Leben verbunden und ohne Eg und seine Briefe hat Tanja lange das Gefühl, ihre Vergangenheit zu verlieren.
»In meinem Leben gab es kein Davor, zu dem ich zurückkehren konnte. Ein Mädchen verließ mit vierzehn das Zimmer und wurde nicht mehr gesehen. Ein weißer Fleck auf der Karte. Ein nasser Fleck auf dem Laken. Eine leere Puppe. Ein Loch in der Welt.«

Nach diesem Zitat, das wegen seiner lyrischen Schönheit in den meisten Rezensionen aufgegriffen wird, könnte der Roman eigentlich gut zu Ende sein, denn was danach noch kommt, klingt wie wütendes Nachtreten der beiden einstigen Liebenden, bei dem keiner dem anderen das letzte Wort lassen will.

Ich frage mich, inwieweit sich Tanjas Aggression wirklich durchgehend gegen den unverantwortlichen älteren Liebhaber richtet, einen Staat, der Fünfzehnjährige zu „sexuell Mündigen“ erklärt und die sprachlosen, mit sich beschäftigten Eltern. Oder manchmal auch einfach gegen das Wüten der Liebe an sich. Gegen die Zumutungen und Zerstörungen, die sie in jedem Leben anzurichten vermag.

Als Tanja auf einer Party Stella trifft, ihre Nachfolgerin, ist sie jedenfalls bei gesünderen Reflexen angekommen: »Wollen wir hinfahren und auf sein Grab pissen?«

Ulrikka Gernes, »Ein Mädchen verließ das Zimmer«, Roman, aus dem Dänischen übersetzt von Ursel Allenstein, Gutkind Verlag, 384 Seiten. Erschienen am 29.01.2026