Knut Cordsens buchgewordenes Phrasenschwein erfüllt höchste Ansprüche an Unterhaltung und Besserwisserei –

Man kennt das. Da turnt, friert, atmet man in einer Yogastunde, fünfzehnmal hintereinander fällt das Wort „achtsam“ und alles, woran man denken kann, ist: »Noch ein Mal und ich schlag’ zu«.

Das sollte ich eigentlich nicht schreiben. Wir sind doch so empfindlich geworden. Allen voran die Achtsamkeitsprofis in Wellnessindustrie, Politik und Literaturbetrieb, wobei die Grenzen dieser Bereiche ja zusehends verschwimmen.

Für Sprachsensible werden in »Stand jetzt. Aus dem Wörterbuch meiner Mitmenschen« die übelsten zeitgenössischen Versatzstücke genüsslich aufgezählt, etymologisch zerpflückt und, kontextuell verpackt, in 23 Kapiteln ausgebreitet.

Meine persönliche Lieblingsabteilung ist »Gewohnt meinungsstark. Ein Ausflug in die Niederungen des Kommentariats«. Hier zeigt sich besonders schön, wie selbst die Sprachgewohnheiten der Profis (»zukunftsstark«, »armutsfest«) weniger die Realität als unsere frommen Wünsche spiegeln und unsere ängstliche gesellschaftliche Verfasstheit.

Mich erinnern diese Formulierungen an die „Leitbilder“ von Firmen und Institutionen in den Nullerjahren. Erinnert sich noch jemand? Wenn man die las („wir bieten ein nicht-diskriminierendes Arbeitsumfeld und sind der Förderung von Frauen verpflichtet“, usw.), wusste man sofort, woran es in dieser Schule oder Firma am meisten haperte.

Das gilt auch für meine eigenen Lieblings-Unwörter wie »nachhaltig«, »gefühlt«, »auf Augenhöhe« und den gruseligen Neuzugang »regelbasiert«. Gekommen, um zu bleiben ist wohl die im deutschen Marketing seit vierzig Jahren »baumelnde Seele«. Dass diese Seuche einfach nicht abklingen will, liegt wohl daran, dass in Deutschland jedes tote Pferd immer noch besonders lange geritten wird.

Was die verhasste omnipräsente „Achtsamkeit“ aus den Yogastunden angeht, so gilt für sie, was Wolf Haas in »Wackelkontakt« über den inflationären Gebrauch eines anderen Unworts sagte: »“Empathie“ begann zu grassieren. Wahrscheinlich bestand ein direktes Verhältnis zum gleichzeitigen Aussterben dessen, was der Begriff bezeichnet.«

Knut Cordsen, Stand Jetzt. Aus dem Wörterbuch meiner Mitmenschen, Kunstmann, 128 Seiten. Erschienen am 11.09.2025.