»Das gefährliche Alter« als Echo der (vorletzten) Jahrhundertwende –

»Ich habe nicht einen Wunsch, Vergangenheit und Zukunft ruhen im selben sanften, blinden Nebel, ich bin zufrieden, so zu leben, wie ich lebe.« Welche Frau im turbulenten mittlerem Alter würde sich das nicht wünschen? Was wohl der Grund ist, weshalb Karin Michaëlis’ »Briefe und Tagebuchaufzeichnungen« neu aufgelegt worden sind. Weil sie, leider, muss man sagen, stellenweise zeitlos sind.

Doch so platt funktioniert das identifikatorische Moment im »Skandalbuch des Jahres 1910« (O-Ton Verlag) dann doch nicht. So amüsant sich der Text als Feuerwerk der Einsichten zur Unvereinbarkeit der Geschlechter liest, so wenig gibt er literarisch her (s. Überschrift). Das Tagebuch- und Briefformat bleibt über weite Strecken in bloßen Feststellungen und Lebensweisheiten stecken und die Figuren, außer der Ich-Erzählerin selbst, erwachen nicht zum eigenen Leben.

Inhaltlich ist die Entwicklung, die die Ich-Erzählerin durchmacht auch eher deprimierend. Hat sie zu Anfang noch unbändige Energie, mit der sie sich eine neue Unterkunft bauen lässt und ihren verdutzten Mann einfach abhängt, muss sie ihr neues schlecht zu heizendes Heim im Winter zuschließen, um sich erneut auf den Weg zu machen. So birgt »Das gefährliche Alter« ganz unfreiwillig auch eine Risiko-Warnung an die aufbruchwilligen Leserinnen von heute. Das gefällt mir nicht an diesem Pseudo-Empowerment Tagebuch und mir ist nicht ganz klar, was die Frau von heute – außer dem identifikatorischen Gefrozzel über „Männer ansich” – damit anfangen soll.

Außerdem bewegt sich die Autorin in der exklusiven dänischen Oberschicht zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Diese Welt liegt weit außerhalb der Möglichkeiten der meisten heutigen Leserinnen. Wer kann schon eben mal eine neue Villa auf einer Mittelmeerinsel in Auftrag geben, wenn sie Lust auf eine Scheidung hat? Wer lieber etwas Volksnäheres zum Dänemark zu Anfang des letzten Jahrhunderts lesen möchte, sollte zu Tove Ditlevsen greifen.

Karin Michaëlis (1872–1950), »Das gefährliche Alter«, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Roman (was jetzt eigentlich?), aus dem Dänischen übersetzt von Daniela Stilzebach, Ebersbach&Simon Verlag, 160 Seiten. Erschienen am 20.08.2025.