Julien Barnes’ Roman »Abschied(e)« mit Freunden, über die er natürlich nie schreiben würde –

»So funktioniert das nicht«, antwortet Erzähler Jules, als seine Freunde Stephen und Jean ihn unabhängig voneinander bitten, nie über sie zu schreiben. Aber die jahrelange, manchmal jahrzehntelange Inkubationszeit literarischer Inhalte ist Nicht-Schriftstellern schwer zu vermitteln. Und seiner Verantwortung ist sich der Autor ohnehin immer bewusst: »Ich spiele mit dem Leben anderer Leute. Und machen das im Grunde nicht alle Romanschreiber?«

In »Abschiede« geht es um viel um das Wesen und die Tricks der Erinnerung und viel um den Tod, aber auf eine leichte, lebensbejahende, versöhnliche Art. Als Barnes während Corona eine zunächst diffuse Krebsdiagnose bekommt, ist seine Frau, die Literaturagentin Pat Kavanagh, schon zwölf Jahre tot. Er weiß, mit wem er es zu tun bekommt.

»Jeder Tod richtet einen Kollateralschaden an. Der Sterbende wird bald nichts mehr spüren, aber die Trauernden sind noch nach Jahren gezeichnet.« Gerade deshalb sorgt er dafür, überforderten Nachfahren keine unvollendeten Manuskripte zu hinterlassen, sondern mit »Abschiede« einen selbstbestimmten Punkt hinter sein Werk zu setzen. »So spricht man dem Tod seine Handlungsmacht ab. Wenn auch, zugegeben, in sehr bescheidenem Maße.«

Stephen und Jean sind auch schon nicht mehr am Leben, ihre Namen geändert und ihre Geschichte eine universelle menschliche Erfahrung, die literarische Betrachtung verdient. Jules hat die beiden in der Studienzeit zusammengebracht, sie trennen sich und nehmen ihre Beziehung, wiederum mit Jules Hilfe, vierzig Jahre später wieder auf. Der Erzähler ist skeptisch. »Wiederaufnahmedilemma? Noch-mal-von-vorn-Syndrom? Das klassische Problem bei einer solchen emotionalen Neuauflage ist, dass die Beteiligten unbewusst in dieselben Verhaltensmuster zurückfallen, die schon zum Scheitern der ersten Beziehung geführt haben.«

Welches Narrativ man sich für eine solche Versuchsanordnung zurechtlegt, liegt beim einzelnen Paar, bzw. im Falle von Jean und Stephen sogar bei den einzelnen Akteuren, da beide die Situation anders verstehen. Da sind zum Beispiel die Lebensbegleiter, die in den vierzig Jahren Beziehungspause wichtig waren. »Es hätte einfach sein sollen, da diese früheren Gefährten nun die Verlierer waren und Stephen und Jean die Gewinner. Aber man schafft es nicht immer, offen und ehrlich über frühere Liebhaber (und Ehepartner) zu sprechen, ihnen den gebührenden Stellenwert im eigenen Leben einzuräumen und dabei doch hervorzuheben, dass ihre wesentliche Funktion darin bestand, ahnungslose und unbedarfte Wegbereiter der glorreichen Gegenwart zu sein.«

Sehr elegant gelingt Barnes immer wieder der Bogen vom Liebes-Narrativ zum Vorgang des Schreibens an sich und der Verblüffung über das fertige Produkt. »Mit der Fertigstellung verfestigt sich das Buch auch im Kopf des Schriftstellers. Man vergisst alle Fehltritte, die verlockenden, aber unergiebigen Spuren, die man verfolgt und dann aufgegeben hat; manchmal vergisst man sogar, wo die Idee ursprünglich herkam. Nach dem Erscheinen wird das Buch dann auf unterschiedliche Weise gelesen und interpretiert, die man mal großzügig zulässt, mal höflich zurückweist.«

Jennifer Kakshouri hat Barnes zum Interview getroffen und ihn ganz direkt zum Fiktionsgehalt des Liebespaars Jean und Stephen gefragt. Er reagiert mit höflicher Zurückweisung »It’s for me to know, for you not to know and for my biographers to find out«

Julien Barnes, »Abschied(e)«, aus dem Englischen übersetzt von Gertrude Krüger, Kiepenheuer&Witsch, 256 Seiten. Erschienen am 15.01.2026.

srf-Literaturclub mit Jennifer Khakshouri und u.a. einer Besprechung von »Abschiede«

Und ihr Interview-Treffen mit Julien Barnes

Und hier Katja Gassers Interview mit ihm

Und die Besprechung von Knut Cordsen (BR), bei der auch Barnes’ langjährige Übersetzerin Gertrude Krüger zu Wort kommt